Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., ZG 1563
Hohenzollerischer Geschichtsverein [Hrsg.]
Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte
34(120).1998
Seite: 55
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Gebhard Müller - Staatsmann zwischen Rumpfland und Länderneugliederung

sortleiter für Landwirtschaft und Kultus, Dr. Weiß und Dr. Sauer, wegen ungenügender
Arbeitsleistung nicht in sein Kabinett übernehmen. Die mächtigen Partei-Regionalfürsten taten
fortan alles, einen Staatspräsidenten Müller zu verhindern44. Am frühen Nachmittag des
8. Juli 1947 war in der CDU der Machtkampf zugunsten des älteren Vertreters, des Vertreters
des prononciert konservativen Flügels in bewußter Zentrumstradition, zugunsten von Lorenz
Bock ausgegangen. Müller teilte dies sogleich dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Oskar Kalbfell
mit, der sein Bedauern ausdrückte und festhielt, daß wir für Müller gestimmt hätten. Er wisse
aber nicht, oh die SPD für Bock stimme. Müller sagte, daß er seine Kollegen darauf aufmerksam
gemacht habe, daß die politischen Konsequenzen von der CDU zu tragen sezfen]. Renner gegenüber
ist Müller offen gewesen. Er werde wahrscheinlich den Vorsitz niederlegen^.

Enttäuschung und Erbitterung führten in der Tat so weit, daß Müller sich überlegte, alles
hinzuwerfen. Im Brief an seine Frau46 kam auch gallige Ironie zum Vorschein: Die Freude,
einen Staatspräsidenten zum Ehemann zu haben, kann ich Dir leider nicht machen. Ich weiß,
daß Du diese »Enttäuschung« mit der Dir eigenen Würde tragen wirst. Die Fraktion der CDU
hat mich dieses Amtes nicht für würdig erachtet, da mir die erforderliche Erfahrung fehle, ich
zu jung und viel zu sehr mit den Herren der SPD versippt sei. Zwar stellte er klar, daß er
Staatspräsident Bock durchaus schätze, aber die Begründung für seine Ablehnung durch die
Fraktion habe ihn so verärgert, daß ich mir überlege, ob ich nicht auch die sonstigen Parteiämter
niederlegen soll.

Obwohl er nicht Regierungschef und aus Gründen der Koalitionsarithmetik auch nicht
Justizminister wurde - dieses Ressort ging wiederum, nachdem die Ernennung der »Grauen
Eminenz« der CDU, Emil Niethammer, hatte glücklich verhindert werden können, an Carlo
Schmid -, obwohl er zutiefst gekränkt war: Müller blieb im Amt. Der Abgeordnete Müller
schmollte eine Weile und sprach Anfang November 1947 erstmals - und gezwungenermaßen
- als Berichterstatter vor dem Landtag. Er führte die Fraktion und die Partei und war offenbar
so unentbehrlich, daß er an vielen Kabinettssitzungen teilnahm, obwohl er nicht Kabinettsmitglied
war. Staatspräsident Bock erkannte mehr und mehr Müllers außergewöhnliche
Fähigkeiten und förderte ihn, wo er konnte. Der Tod des knapp 65jährigen am 4. August 1948
traf Müller schwer. Am offenen Grabe nannte er ihn seinen väterlichen Freund.

Zur gleichen Zeit war der Konflikt zwischen Deutschen und Besatzungsmacht in Würt-
temberg-Hohenzollern auf seinem Höhepunkt angelangt. Obwohl das ressourcenschwache
kleine Land unter Demontagen und der Abholzung der Wälder zu leiden hatte, wurde die
Diskussion der Problematik im Landtag untersagt. Müller zwang die Regierung zum Rücktritt
, da das Parlament ansonsten sein Mißtrauen aussprechen müsse. In der verzweifelten Situation
sollten die Menschen nicht noch denken, die deutsche Regierung sei der wohlfeile
Exekutor der Maßnahmen der Besatzungsmacht. Müller, dem nun unter den denkbar schlechtesten
Auspizien das Amt des Regierungschefs angetragen wurde, versagte sich nicht. Es war
auch in dieser besonders dramatischen Situation sein persönlicher Triumph, daß er 53 von 59
Stimmen erhielt. Lorenz Bock hatte seinerzeit 47 von 60 Stimmen erhalten47. Damit hatte er

44 Diesen Sachverhalt wußte im Gespräch mit dem Vf. vom 18. 4. 1991 Staatsrat Professor Dr. Theodor
Eschenburg, Tübingen, zu benennen, und bestätigte damit Hinweise Gebhard Müllers in verschiedenen
Gesprächen mit dem Vf. Die Protokolle der Gespräche befinden sich im Privatbesitz von Frank Raberg.

45 Aufzeichnung Oskar Kalbfells auf Papier der SPD-Landtagsfraktion, Bebenhausen, 8. 7. 1947, in
NGM, H 59. Vgl. auch Hinke (wie Anm. 43), S. 152.

46 Schreiben von Gebhard Müller, Tübingen, 9. 7. 1947, an Marianne Müller, Ludwigsburg.

47 Verhandlungen des Landtags für Württemberg-Hohenzollern (VLWH), 38. Sitzung, 13. 8. 1948,
PB 2, S. 569. VLWH, 3. Sitzung, 8. 7.1947, PB 1, S. 3. Bock hatte bei Anwesenheit aller Abgeordneter mutmaßlich
alle Stimmen der CDU (32) und der DVP (11) erhalten, während SPD und KPD weiße Stimmzettel
abgegeben hatten. Müller erhielt alle Stimmen von CDU, SPD und DVP unter Ausschluß der KPD-
Abgeordneten.

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