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Akademie-Provisorium im provisorischen Staat. Die Kunstschule in Bernstein (1946-1955)
Lehrtätigkeit usurpierte der charismatische Künstler, der auf dem Höhepunkt seines Schaffens
stand'0, im September/Oktober 1951 die Schulleitung; dazu sah er sich nicht zuletzt vom
Kultministerium ermutigt51. Grieshaber inszenierte - um mit Günther Wirth zu sprechen -
eine »künstlerische und organisatorische >Oktober-Revolution<«52. Unter seiner Ägide wandelte
sich die traditionsverbundene Kunstschule in einem mehrstufigen Prozeß zu einer
»Experimentierstätte« für avantgardistische Kunst53. Der Traditionsbruch fand um die Jahreswende
1951/52 auch im Namenswechsel Ausdruck; fortan firmierte das Bildungsinstitut unter
»Bernsteinschule«. Mit der Umfunktionierung zu einem Forum der Avantgarde war die Auflösung
schulischer Strukturen verbunden; die Bildungseinrichtung lockerte sich zum Werkstätten
-Verbund. Zugleich verschob sich das Schulprofil; die Bernsteinschule verlegte sich verstärkt
auf die angewandte Kunst. Dabei stand für Grieshaber der »Primat der künstlerischen
Freiheit« nicht zur Disposition54. Sein Konzept, das in der im August 1952 vorgelegten Schulordnung
Ausdruck fand55, erwies sich als Utopie. Das Bildungsinstitut kollabierte; die Schülerzahl
ging gegen null. Am Ende blieb ein Zirkel von Künstlern und Literaten, der im Bernstein
seine ideologische Mitte fand.
Paradoxerweise erreichte die Bernsteinschule unter Grieshabers Leitung den Gipfelpunkt
ihrer Ausstrahlung. Es gelang ihm, durch künstlerische Aktivitäten die Kunstszene über die
Region hinaus auf das Kulturzentrum auf dem Lande aufmerksam zu machen. Allerdings war
dadurch der Akzeptanzverlust in der Region nicht wettzumachen56.
In den Jahren 1952-1954 wurde die Entwicklung der Bernsteinschule von inneren und
äußeren Auseinandersetzungen überschattet. Durch seine Kompromißlosigkeit wirkte HAP
Grieshaber auf sein Umfeld polarisierend. Hans Ludwig Pfeiffer, nomineller Leiter des Bil-
50 Vgl. Wirth: Grieshaber zwischen Reutlingen und Karlsruhe (wie Anm. 23). Günther Wirth: Einführung
. In: Grieshaber. Bernstein. Karlsruhe (wie Anm. 23), S. 5-16. Petra von Olschowski: HAP
Grieshaber: Vom Mappenwerk zum Wandbild - die Neubestimmung des Holzschnitts 1952. Magisterarbeit
(maschinenschriftliches Exemplar im Archiv Margot Fürst, Stuttgart). 1992/93. Froitzheim: HAP
Grieshaber und die Bernsteinschule (wie Anm. 49), besonders S. 18f.
51 Die Rolle, die das Kultministerium Württemberg-Hohenzollern bei der vermeintlichen »Berufung«
Grieshabers spielte, ist undurchsichtig. Die von verschiedener Seite vorgebrachte Behauptung, Grieshaber
habe auf Veranlassung des Kultministeriums Württemberg-Hohenzollern in Bernstein die Schulleitung
übernommen, gab staatlicherseits Anlaß zu retrospektiven Betrachtungen. Der zuständige Referent im
Kultministerium Baden-Württemberg, Wolf Donndorf, wandte sich mehrfach an Walter Rosengarten, den
ehemaligen Leiter der Abteilung Kunst im Kultministerium Württemberg-Hohenzollern, mit der Bitte
um Aufklärung. Walter Rosengarten wies die Unterstellungen zurück; Grieshaber sei vom Kultministerium
Württemberg-Hohenzollern weder offiziell noch inoffiziell ernannt worden. HStAS EA 3/201 Bü. 3:
34. 105. 113. 122. Vgl. ebd. 98. 112. - Die von Ludwig Greve geäußerte Auffassung, eine ratlose Verwaltung
habe Grieshaber als Liquidator dieses Unternehmens auf den Bernstein geschickt, entbehrt der
Grundlage. Greve: Sichtbarer Untergrund (wie Anm. 19), S. 172.
52 Wirth: Einleitung (wie Anm. 50), S. 5f.
53 Zur Ära Grieshaber (und insbesondere zur Umbauphase): Froitzheim: HAP Grieshaber und die
Bernsteinschule (wie Anm. 49). Froitzheim: Die Bernsteinschule 1951-1955 (wie Anm. 48).
54 Andreas Zoller: Die Bernsteinschule im Kreis der Kunstakademien und Malschulen Südwestdeutschlands
. In: Die Bernsteinschule 1951-1955 (wie Anm. 19), S. 25^10, hier S. 38.
55 Die in Grieshabers dritter »prise de position« (Margot Fürst: Grieshaber. Der Drucker und Holzschneider
. Plakate. Flugblätter. Editionen und Akzidentia. 1965, S. 88f., Nr. 68c) veröffentlichte Schulordnung
wurde von Ursula Bader-Gerdemann und Andreas Zoller abgedruckt. Bader-Gerdemann
(wie Anm. 20), S. 424^127. Andreas Zoller: Dokumente zur Bernsteinschule 1951-1953. In: Grieshaber
auf Bernstein (wie Anm. 17), S. 41-47, hier S. 46f. Zur Interpretation: Froitzheim: HAP Grieshaber und
die Bernsteinschule (wie Anm. 49), S. 26f. Zoller: Die Bernsteinschule im Kreis der Kunstakademien und
Malschulen Südwestdeutschlands (wie Anm. 54), S. 37.
56 Vgl. Christine und Ludwig Dietz: Bernstein unter Kälberer (wie Anm. 22), S. 18f.
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