http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1998/0084
Bernhard Rüth
dungsinstituts, war auf die Dauer nicht bereit und in der Lage, Grieshabers Innovationskurs
zu folgen. Als letzter Vertreter der Via antiqua stand er jedoch gegenüber den Vertretern der
Via moderna auf verlorenem Posten; er wurde ausgegrenzt. Unter Bruch der Schultradition
gründete die Grieshaber-Klientel im August 1952 unter der Firma »Freunde der Bernsteinschule
« e. V. einen konkurrierenden Trägerverein. In Bernstein entbrannte der Kunststreit
zwischen Avantgarde und Tradition, der zum Kulturkampf um Bernstein eskalierte. Der ideologische
Konflikt wurde zugleich auf publizistischem, politischem und juristischem Feld ausgetragen57
.
Indessen unterlag die Bernsteinschule einem Prozeß der Erosion58. Im August 1953 zog
sich HAP Grieshaber, der seine Lehrtätigkeit im Sommer 1952 aufgegeben hatte, vollends aus
der Bernsteinschule zurück. Unter dem literarisch interessierten und pädagogisch versierten
Tischler Max Fürst, der die Platzhalter-Funktion übernommen hatte, vegetierte die einstige
Bildungseinrichtung als Begegnungsstätte für Künstler und Literaten dahin. Im August 1955
wurde sie von der staatlichen Verwaltung liquidiert. Am 3. November 1955 räumte Max Fürst
die Domäne Bernstein. An die Adresse des Regierungspräsidiums Tübingen richtete Fürst am
13. Januar 1956 einen trotzigen Nachruf auf das Bildungsexperiment: Trotzdem bleibe ich bei
meiner Ansicht, dass Experimente, wie wir sie auf dem Bernstein versuchten, für unseren Staat
so bitter nötig sind, selbst wenn sie in ganz kleinem Rahmen gesche[he]n, dass es eine Pflicht
des Staates ist, zu helfen und zu ermutigen, damit nicht gerade die Ärmsten die Rechnungen
des >Idealismus< bezahlen müssen59.
Zusammenfassend ist auf die Strukturprobleme hinzuweisen, die sich als Konstanten
durch die wechselvolle Bernstein-Geschichte ziehen. - Als Hypothek erwies sich der Standort
des Bildungsinstituts. Das idyllische Ambiente Bernsteins vermochte auf Dauer die Ungunst
der Lage abseits kultureller Zentren nicht auszugleichen. Angesichts organisatorischer Defizite
war die Instabilität des Bildungsinstituts vorprogrammiert. Das Profil der Einrichtung
zeigte dementsprechend unscharfe Konturen. »Die Bernsteinschule hat im Laufe ihrer
Geschichte mehrere Metamorphosen durchlaufen, ohne zu einer unverwechselbaren Identität
gefunden zu haben«60. Bernstein war im zeitlichen Mit- und Nacheinander Künstlerkolonie,
Malschule und Kunstakademie61. Die Schulkonzepte, die in Bernstein erprobt wurden, trugen
den Existenzbedingungen des Bildungsinstituts ungenügend Rechnung. Der Idealismus der
Akteure brach sich an den materiellen Problemen der Zeit.
3. KUNSTSCHULE UND STAAT
Die Kunstschule in Bernstein war ein privates Bildungsinstitut. Der Gründer und erste Leiter
Paul Kälberer legte, wie er in seinem programmatischen Rechenschaftsbericht vom 1. Juni
1947 betonte, Wert auf ideelle Unabhängigkeit vom Staat als Voraussetzung für eine freie und
lebendige Entwicklung^1. Dennoch hielt er Verbindung mit den staatlichen Instanzen - und
57 Zum »Kampf um Bernstein« vgl. Hochstuhl (wie Anm. 21). Rüth: Tradition gegen Avantgarde
(wie Anm. 27).
58 Vgl. Hochstuhl (wie Anm. 21), S. 431f.
59 StAS Wü 42 Bd. 26 Nr. 264: 20. Archiv Margot Fürst, Stuttgart.
60 Froitzheim: Die Bernsteinschule 1951-1955 (wie Anm. 48), S. 41.
61 Interessanterweise wollte Paul Kälberer die von ihm gegründete Kunstschule nicht als Kunstakademie
verstanden wissen. Paul Kälberer an Hans Ludwig Pfeiffer, 27.2.1947: Archiv Margot Fürst, Stuttgart.
62 Kälberer: Die Kunstschule Bernstein (wie Anm. 42), S. 57. Die von Ludwig Dietz erstellte Edition
beruht auf der sogenannten Hektogrammfassung, die an staatliche Stellen bzw. an Vertreter des öffentlichen
Lebens versandt wurde. Die Druckfassung des Rechenschaftsberichts, der im Mitteilungsblatt der
70
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1998/0084