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Akademie-Provisorium im provisorischen Staat. Die Kunstschule in Bernstein (1946-1955)
werden. So intervenierte nach der Währungsreform die Delegation Superieure beim Kultministerium
zugunsten des centre de culture populaire in Bernstein; die - von Kälberer erbetene -
kontinuierliche Unterstützung wurde vom Kultminister unter Verweis auf die Haushaltslage
abgelehnt76. Der Vorgang ist symptomatisch. Mit dem Rückzug der Besatzungsmacht aus der
Landespolitik sah sich die Kunstschule ihres Hauptrückhalts beraubt.
3.2 Die Haltung der deutschen Regierungs- und Verwaltungsstellen
3.2.1 Kultministerium Württemberg-Hohenzollern
Das Staatssekretariat beziehungsweise die Staatsregierung war von Anfang an in das Bildungsexperiment
einbezogen. Dem Kultministerium fiel die Rolle des Ziehvaters der Kunstschule
zu. Kälberer hatte sein Schulkonzept mit der Landesdirektion für Kultus, Erziehung und
Kunst abgestimmt. Nach Gründung der Arbeitsgruppe für bildende Kunst in Bernstein forderte
er beim nachmaligen Kultministerium staatliche Unterstützung ein77.
Das Kultministerium nahm eine wohlwollend-abwartende Haltung ein. Die Abteilung
Kunst ließ keinen Zweifel daran, daß die Kunstschule staatliche Aufgaben erfülle78. Das öffentliche
Interesse am Fortbestand der Einrichtung wurde vom Kultminister gegenüber dem
Innenministerium uneingeschränkt bejahtn. Gegen Ende der Ära (Kälberer/)Pfeiffer fand die
Wertschätzung des Bildungsinstituts in einem von Sauer unterzeichneten Aktenvermerk Ausdruck
: Die Arbeitsgruppe für bildende Kunst in Bernstein habe sich zu einer anerkannten
Ausbildungsstätte für bildende Kunst... entwickelt. Sie ist - so der Kultminister - die einzige
Stätte in unserem Lande, die eine vielseitige Ausbildungsmöglichkeit handwerklicher und
künstlerischer Art dem jungen Studierenden gewährleistet*0.
In den Tenor der Würdigung mischten sich kritische Untertöne. Im Gegensatz zu seinen
Vorgängern legte Walter Rosengarten, Leiter der Abteilung Kunst, eine gewisse Skepsis an den
Tag. Zwar attestierte er sich selbst eine unbedingt positive Einstellung zur Kunstschule in
Bernstein8'. Doch stellte er nüchtern-distanziert fest, daß der Fortbestand des Bildungsinstituts
in keiner Weise gesichert sei82; dies ließ er auch gegenüber seinem Kollegen und Funktionsnachfolger
in Stuttgart verlauten83. Im Dezember 1952 kam das unter dem Vorsitz des baden
-württembergischen Kultministers tagende Werbefunkmittel-Verteilungsgremium zur
Auffassung, dass die Schule auf der bisherigen Grundlage und im Hinblick auf die Abgelegen-
heit Bernsteins nicht lebensfähig seiM.
Das Kultministerium Baden-Württemberg stellte sich übrigens grundsätzlich positiv zur
Bernsteinschule85. Der zuständige Referent, Wolf Donndorf, sah eine moralische Verpßich-
76 StAS Sigmaringen Wü 42 Bd. 26 Nr. 264: 20. 24. Archiv Margot Fürst, Stuttgart.
77 Verband bildender Künstler Württemberg-Süd an »Kultministerium«, 31.8.1946: Archiv Margot
Fürst, Stuttgart. Arbeitsgruppe für bildende Kunst an »Staatssekretariat, Abteilung Kunst«, 27.10.1946:
StAS Wü 42 Bd. 26 Nr. 264: lb. Archiv Margot Fürst, Stuttgart.
78 StAS Wü 42 Bd. 26 Nr. 264: 1 (30.10.1946).
79 StAS Wü 42 Bd. 26 Nr. 264: 9 (6.1.1948).
80 StAS Wü 42 Bd. 26 Nr. 264: Akten betreffend Zuschüsse aus Werbefunkmittel[n], Kunstschule Bernstein
(8.9.1951).
81 Dies verlautet aus einem Schreiben des Leiters des Volkshochschulheims Inzigkofen, Dr. Walter Kob-
litz, an Paul Kälberer vom 15.5.1950: Archiv Margot Fürst, Stuttgart.
82 StAS Wü 42 Bd. 26 Nr. 264: 6b/6c (21.10.1947).
83 StAS Wü 42 Bd. 26 Nr. 264 (31.8.1951).
84 StAS Wü 42 Bd. 26 Nr. 264: 122 (zum 5.12.1952).
85 HStAS EA 3/201 Bü. 3: 11 (23.12.1952). Vgl. StAS Wü 42 Bd. 26 Nr. 264: 121. Zur Haltung Donndorfs
: Hochstuhl (wie Anm. 21), S. 424.
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