http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1998/0099
»Wilsingen, ein Dorf auf den Alpen unweit Trochtelfingen«
Grundherren in der Flur, das mit Hilfe von Frondiensten abhängiger Höriger bewirtschaftet
wurde. In der Regel stehen diese Flurnamen für eine ältere Flurverfassung, die in die Zeit vor
Einführung der Dreifelderwirtschaft zurückreicht. Indes macht stutzig, daß es den Flurnamen
Breite noch ein weiteres Mal im Süden der Markung im Bereich der heutigen Fauläcker gibt.
Von einem zweiten Herren- und Maierhof sollte man indes nicht ausgehen, sondern eher an
eine Aufteilung des Herrenackerlandes auf die drei Zeigen bei Einführung der Dreifelderwirtschaft
denken. Zudem fehlen Nachrichten über ein ortsansässiges Adelsgeschlecht, so daß die
Vorstellungen von den früh- bis hochmittelalterlichen Siedlungsverhältnissen Wilsingens bis
ins 14. Jahrhundert herauf recht vage bleiben. Angefügt sei noch, daß auch die zweifelsfreie
Identifizierung des Ortsnamens Willigisingin bei der Nähe ähnlich lautender Namen (vgl.
Ober- und Unterwilzingen bei Hayingen; Vilsingen, Gemeinde Inzigkofen/Lkr. Sigmaringen)
mit unserem Wilsingen nicht möglich ist.
Erst mit der nächsten urkundlichen Nennung, etwa 200 Jahre nach der Gründung Zwiefaltens
, nähern wir uns etwas sichererem Terrain, ohne gleich festen Boden unter den Füßen zu
haben. Am 6. Mai 1286 schenkte Graf Heinrich von Veringen dem Kloster Zwiefalten ein Gut
in Wilsingen, das Lobenhu 'Iwe hieß und das Berthold von Pfullingen zu einem rechten Lehen
erhalten hatte17. Und einen Monat später, am 1. Juni 1286, verkauften und schenkten die Ministerialen
Wolfram von Bernhausen und seine Kinder sowie Berthold von Pfullingen mit
Zustimmung des Grafen Eberhard von Württemberg ihre Güter bei beziehungsweise in
Wilsingen an das Kloster Zwiefalten18. Auch jetzt sind die Angaben -mit Ausnahme des Gutes
Laubenhülbe- blaß und zu ungenau, um etwas Verläßliches über das Siedlungsbild und die
Siedlungsstruktur auszusagen. Lediglich eine Gewißheit vermitteln die Quellen: Neben dem
Kloster Zwiefalten teilen sich noch die miteinander verwandten Grafen von Veringen und
Württemberg den Besitz von Höfen in Wilsingen. Damit dürfte die Ortsherrschaft am Ende
des 13.Jahrhunderts noch nicht fest in zwiefaltischer Hand gewesen sein. Das Recht des Abtes
beziehungsweise seines Vertreters, alle Blut- und Bannfälle zu richten und zu strafen, konnte
sich daher nur auf die Untertanen des Klosters erstrecken. Bezüglich der Siedlungsform im
Spätmittelalter kann man aber mithilfe späterer Flurnamen vermuten, daß die heutige Lindenstraße
als bestimmende Leitlinie der Bebauung wohl vorhanden, wenn auch unscharf ausgeprägt
war. Denn der Flurname Laubenhülbe (vielleicht hat er einen Bezug zu den »Hofstattäckern
« im fraglichen Bereich) nördlich der heutigen Siedlung deutet an, daß das gleichnamige
Gut noch in einiger Distanz zum Ortskern errichtet worden war und wohl schon eine Hofrai-
te, das heißt eine Hofstätte mit Wohn- und Wirtschaftsgebäude, besaß, auch wenn davon erst
1385 ausdrücklich die Rede19 ist. Diese Annahme stützt sich auf die Terminologie des Urbars
von ca. 1425, wo die »Güter« als Höfe mit Hofraite, Ackern und Wiesen beschrieben werden
(s. unten).
Zwei Jahre nach der Erwähnung (1288) der Verkäufe und Schenkungen von Ministerialen
aus dem Umfeld der veringisch-württembergischen Grafen erfahren wir von einem weiteren
Hof in dem Dorf Wilsingen, der Brabrans-Hof hieß und den die Herren von Gundelfingen
von Berthold von Pfullingen erworben hatten und der jetzt in das volle Eigentum des Benediktinerklosters
überging20, was aus Liebe und Verehrung zu dem Kloster geschah, wie es in
der Urkunde heißt. Der spätmittelalterliche Begriff des Dorfs ze Wilgesingen lehrt, daß die
Höfe ohne große Abstände beieinanderstanden und die Siedlung schon von einem Etterzaun
umgeben war. Die Bewohner hatten sich zu einer Gemeinschaft zusammengefunden, deren
religiöser Mittelpunkt neben der Pfarrkirche in Trochtelfingen die 1325 im Liber Quartarum
17 WUB IX, Nr .3535, S. 77.
18 WUB IX, Nr. 3544, S. 86.
19 Hauptstaatsarchiv (HStA) Stuttgart, B 551, Bü 210, datiert 1385 am Weihnachtsabend (Notarskopie).
20 WUB IX, Nr. 3729, S. 197 datiert auf 1288 März 19 - Burg Gundelfingen.
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