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»Wilsingen, ein Dorf auf den Alpen unweit Trochtelfingen«
4.1 Rares Gewerbe
Handwerklich tätig waren 1824 acht Personen50. Darunter waren ein Maurer, der nur im Taglohn
arbeitete, je ein Schneider, Wagner, Schreiner, Kübler und Hufschmied, die nebenbei ihre
Güter mit eigenem Vieh bearbeiteten. Der Bäcker buk nur alle 14 Tage Brot, der Metzger
schlachtete den Bauern die Schweine um den Lohn. Der Schuster Josef Daigler erweiterte
1828 das handwerkliche Spektrum. Sein Gewerbesteueranschlag belief sich auf 1 fl 36 x
(= Kreuzer). Der Bauer Jakob Knupfer handelte seit 1829 nebenbei mit Zucker, Kaffee,
Rauch- und Schnupftabak sowie mit Gewürzen, jedoch machte er keine größeren Umsätze, so
daß er nur mit 24 x Gewerbesteuer eingeschätzt wurde. 1845 gab er seinen Kleinhandel wieder
auf. Die Wirtschaft des Josef Manz »zum Adler« galt als schlechter Wirtschaftsbetrieb. Er hatte
keine Fremdenzimmer, in dem Gäste beherbergt werden konnten; aber er brannte jährlich
etwa ein Viertel Eimer (= 9,6 1) Branntwein, was beim Steueranschlag stark ins Gewicht fiel.
1839 übergab er den Betrieb an Jakob Manz, der aber vier Jahre später den Ausschank einstellte
. An seiner Stelle versuchte sich der Bier- und Branntweinwirt Johannes Uhland, dessen
Steueranschlag dadurch von 1 fl auf 1 fl 48 x angehoben wurde. Auch er führte einen »ganz
schlechten Betrieb«, eine Bemerkung, die sich wohl nicht nur auf die Ausstattung der Schank-
stube bezog. Etwas bessere Geschäfte tätigte der Tafernwirt zum »Kreuz« Carl Knupfer, dessen
Gastwirtschaft mit 2 fl 30 x jährlicher Gewerbesteuer taxiert wurde. Da er zugleich Brot
buk, entrichtete er zusätzlich noch 1 fl 30 x. Unter den »Bemerkungen« erfährt man weiter,
daß der Bäcker und Gastwirt Knupfer einen »geringen Betrieb« besitze, da der Ort sehr klein
sei und keine Landstraße hindurch führe. Dies bedeutet indes nicht, daß der Gastwirt Knupfer
einen bescheidenen Hof bewirtschaftete. Uber die Vermögensverhältnisse des Kreuzwirts
erfahren wir nämlich aus dem Gemeinderatsprotokoll von 1847 noch eine bemerkenswerte
Einzelheit. Anläßlich des Gesuchs des 21jährigen Karl Knupfer um Erlaubnis zur Heirat mit
Barbara Heinzelmann (»volljährig« und damit heiratsfähig war man damals erst, wenn man
ein Mindestvermögen zur Ernährung einer Familie nachweisen konnte51 ) wird nebenbei angemerkt
, daß der Bräutigam 2800 fl und die Braut 5000 fl in die Ehe einbringen, womit dieselben
bei dem Betriebe der Wirtschaft mit Bäckerei wohl imstande sind, eine Familie zu
ernähren11. Das Heiratsgut der Braut setzte sich aus 3200 fl Bargeld und 1800 fl Fahrnis und
Liegenschaften zusammen.
Wo - wie hier in Wilsingen - die Landwirtschaft den fast ausschließlichen Lebensunterhalt
der Menschen bildete, darf natürlich keine rege Teilnahme am Marktgeschehen erwartet werden
. Überschüssiges Getreide kauften 1832 die Bauern Michael Aigner und Lorenz Schmid
auf, gaben aber den Fruchthandel 1839 auf. Sie zahlten zusammen 1 fl 42 x Gewerbesteuer.
Lorenz Schmid (oder dessen gleichnamiger Sohn?) versuchte sich noch einmal in der Zeit der
Hungersnot von 1846 bis 1857 zwei Jahre lang (1847-49) als Fruchthändler, offenbar mit
geringem Erfolg, wie man am Steueransatz von 24 x erkennen kann, vor allem weil es ja an
Getreide und Kartoffeln in unserem Raum fehlte. Von 1839 bis 1860 betrieben dann Johannes
Manz und Georg Wörz den Fruchthandel. Der Küfer Sebastian Bronner stieg 1853 in den
Viehhandel ein. Gemessen an den 24 x Gewerbesteuer pro Jahr war dies offenbar kein sehr lukratives
Geschäft. In der Summe vermitteln die Gewerbesteueranschläge ein Bild von bescheidenen
Umsätzen und gering ausgeprägten Handels- und Gewerbestrukturen, die die wirtschaftlichen
Möglichkeiten und Aktivitäten der Einwohner Wilsingens insgesamt widerspiegeln
. Sie sind Ausdruck einer auf Selbsterhaltung gerichteten Wirtschaftsweise, das heißt die
50 GdeA Wilsingen, Wi B62 (Gewerbesteuer-Katasterrolle 1824ff.).
51 Klaus-Jürgen Matz: Pauperismus und Bevölkerung (= Industrielle Welt Bd. 31). Stuttgart 1980,
S. 114ff.
52 GdeA Wilsingen, Wi B 11 (Gemeinderatsprotokoll Bd. II), S. 207 zum Datum 12. April 1847.
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