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Wolfgang Schaffer
Anfälle eingesperrt wird. Die Berichte der Physikate Hechingen, Gammertingen und Wald
lagen zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal vor52. Nach Fertigstellung der sich auf die Unterbringung
der Geisteskranken im Sigmaringer Landesspital beziehenden Baumaßnahmen forderte
die Regierung die Oberämter auf, den Transport solcher Kranker nach Sigmaringen, die in
ihren häuslichen Verhältnissen sich und ihrer Umgebung Gefahr bringen könnten, beschleunigt
in die Wege zu leiten53.
Das zähe Bemühen um eine Verbesserung der Situation der Geisteskranken in Hohenzollern
setzte sich endlich auch praktisch um. Die Regierung veröffentlichte zu diesem Zweck im
November 1856 einen Aufruf zu freiwilligen Beiträgen für das Landesspital in Sigmaringen,
welcher etwas mehr als 3000 Gulden einbrachte54. Gelegentlich eines »populären Vortrags« in
der Museums-Gesellschaft in Sigmaringen am 16.12.1856 nutzte Schwanz die Gelegenheit, in
einer humorvollen Weise die Distanz des Bürgertums zu den Irren zu vermindern: Mit seinem
Thema: »Das Irrenhaus, eine Welt im Kleinen, und die Welt, ein Irrenhaus im Großen«, das
durch Veröffentlichung in der »Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie und psychischgerichtliche
Medicin« in ganz Deutschland Verbreitung fand, lenkte Schwanz die Aufmerksamkeit
auf die Sigmaringer Verhältnisse - zumal er geschickterweise unmittelbar einen Spendenaufruf
für das Bauvorhaben folgen ließ55. Seine Behauptung, dass ein gutes Irrenhaus eigentlich
in vielen Stücken noch weit vernünftiger organisirt ist, dass es in ihm weit ruhiger und ordentlicher
zugeht, als in manchen Familien und Staaten, führte er in einer humorigen Weise seinem
Auditorium vor, das auf diese Weise nicht umhin kam, den Sinn einer wohl organisierten Irrenpflege
in Hohenzollern zu akzeptieren. Schwanz schloß seine Ausführungen mit einem Bilde,
dem sich niemand entziehen konnte, da er auf eine Form des »Wahns« anspielte, der sich auch die
»Vernünftigen« zeitweise unterwarfen: Es gebe in der Welt und in den Irrenanstalten auch einen
sogenannten heitern Wahn, wo wir unsere ganze Umgebung, Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft im rosafarbenem Lichte sehen und eine Art irdischer Glückseligkeit empfinden. Wie tief
das Bedürfnis dieses harmlosen Wahns in der menschlichen Natur steckt, geht daraus hervor, dass
die drei Weltstädte, Rom, Cöln und Sigmaringen besondere Tage im Jahre dahier festgesetzt
haben, nämlich die Carnevals-Zeit, wo ein Jeder nach seiner Facon rasen und tollen kann [...]56.
Durch persönlichen Einsatz von Schwanz im Berliner Ministerium für Kultus- und Medizinalangelegenheiten
sowie beim preußischen Ministerpräsidenten erreichte er schließlich am
7.5.1857 die Genehmigung zur Errichtung eines Tobhauses sowie der Unterbringung der übrigen
Irren im Landeskrankenhaus und einen staatlichen Baukostenzuschuß von 6500 Gulden57.
5. BAULICHE ERWEITERUNGEN UND UNTERBRINGUNG DER PATIENTEN
Die seitdem auch in den Folgejahren durchgeführten Baumaßnahmen werfen darüber hinaus
Licht auf eine zunehmende Patienten-Frequenz des Krankenhauses wie auch die Spezifizierung
nach Krankheitsgruppen58. Noch im Jahre 1857 wurde schließlich mit der Erstellung des
52 StAS Ho 2351 16394.
53 Ebd.
54 Amtsblatt der Regierung Sigmaringen Nr. 44 vom 2.11.1856, S. 282-285. Am 1.5.1858 wurde darüber
hinaus zweckgebunden die »Friedrich-Wilhelm-Stiftung zur Heilung armer Geisteskranker aus den
Hohenzollernschen Landen« ins Leben gerufen, deren Zinserträge entsprechende Verwendung finden
sollten, vgl. StAS Ho 235 I 16394.
55 Oscar Schwartz: Das Irrenhaus, eine Welt im Kleinen, und die Welt, ein Irrenhaus im Grossen. In:
Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medicin 14 (1857), S. 411-428.
56 Ebd. S. 427.
57 StAS Ho 235 1 16394.
58 Vgl. auch Mühlebach (wie Anm. 20), S. 2f.
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