http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1998/0152
Otto Werner
Das Traumgesicht
Mein Gemiith erfaßte tiefe Trauer,
Weil Fürst Friedrich ach! zu früh entschlief,
Und mein Herz ergriff ein Wehmuthsschauer,
Weil Ihn des Geschickes Stimme rief.
Ihm ist wohl im seligen Gefilde,
Denn Er fühlt nicht mehr den Erdenschmerz,
Dort erglänzt sein Antlitz klar und milde,
Und vor Wonne glüht sein weises Herz.
Aber wer wird Israel beschirmen,
Wer vernehmen seinen Klagelaut,
Wenn des Lebens harte Kämpfe stürmen,
Wenn man fremd und lieblos uns anschaut?
Ach, wir sind ja Menschen wie die Andern,
Ein Gott ist es, der uns alle schuf:
Warum sollen wir verachtet wandern,
Dürfen folgen nicht der Ehre Ruf?
Freiheit herrscht nur im Gesetz' und Rechte,
Unsre Brüder fühlen 's nah und fern;
Wird man uns behandeln stets wie Knechte?
Nur die freien Männer dienen gern!
Also klagt' ich, und der Gram und Kummer
Trübten schmerzend meiner Augen Licht,
Und die Thränen wiegten mich in Schlummer,
Sieh! da wurde mir ein Traumgesicht.
Und ich sah vor meinen Blicken stehen
Meinen Fürsten mit dem Friedenskranz,
Seine Stimme klang wie Harfenwehen
Und sein Auge strahlt im lichten Glanz.
»Jakobs Sohn! o mild're deine Klage,
»Weil ich aus dem Erdenthaie schied,
»Sieh! es kommen auch für Euch die Tage,
»Wo in Chören tönt das Freudenlied.
»Denn mein Sohn wird Euch die Wunden heilen,
»Die Euch schlug der Geist der alten Zeit,
» Wird Euch weisheitsvoll Gesetz' ertheilen,
«Euch regieren mit Gerechtigkeit.«
Sprach 's, und war in Licht und Duft zerflossen,
Scheidend winkt' Er seinen Segen zu,
Ich erwachte: Hoffnung war gegossen
Mir in 's Herz, und heilig stille Ruh.
Dr. S. Mayer41.
41 Beilage zu Nr. 38 des Verordnungs- und Intelligenz-Blattes für das Fürstentum Hohenzollern-
Hechingen. Samstag, den 22. September 1838, S. 244.
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