http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1998/0153
Dr. Samuel Mayer und die Hohenzollern
Dieser als Nachruf auf den Tod des Fürsten Friedrich Hermann Otto von Hohenzollern-
Hechingen (1810-1838) im Jahre 1838 verfaßte Gedicht hat stark appellativen Charakter.
Zugleich mit der Trauerklage über den Verlust des Beschirmers seiner Gemeinde fordert er
den Nachfolger42 auf, die jüdische Gemeinde mit Gerechtigkeit zu regieren, wobei er auf eine
gesetzliche Gleichstellung von Juden in anderen Ländern hinweist43.
Als der erste Hechinger Landtag 1835 zusammengetreten war, hatte die Judengemeinde ein
Gesuch um bürgerliche Gleichstellung an die Deputierten gerichtet. In ihrem Antrag forderten
sie: Gerechtigkeit gegen die, welche alle Pflichten eines Bürgers erfüllen, allen bürgerlichen
Lasten sich unterziehen, Menschenliebe für solche, denen außer dem Hausierhandel alle Quellen
bürgerlicher Nahrung entzogen sind - Gerechtigkeit und Menschlichkeit heischen dringend
eine Änderung, eine Verbesserung unserer bürgerlichen Verhältnisse.4* Trotz dieses
Appells hatte der Hechinger Landtag die völlige Emanzipierung der Juden mit der Begründung
abgelehnt, sie wären weder moralisch noch politisch und religiös reif, mit den Christen
auf die gleiche Stufe gestellt zu werden45.
2 FÜRST FRIEDRICH WILHELM KONSTANTIN
VON HOHENZOLLERN-HECHINGEN (1838-1849)
Die Hechinger Judenschaft setzte große Hoffnungen auf den neuen Regenten, wie aus nachfolgendem
Schreiben des Vorstandes der israelitischen Gemeinde hervorgeht.
Durchlauchtigster) Souverain, gnädigst(er) Fürst und Herr!
Wir wagen es in Unterthanigkeit, Euerer Hochfürstlichen Durchlaucht eine Abschrift derjenigen
Eingabe zu überreichen, welche wir am heutigen Tage an die Vertreter Höchstlhres
getreuen Volkes zu richten uns gedrungen fühlten. Wenn sich die hiesige israelitische Gemeinde
des Glückes rühmen kann(,) immer des Höchsten Wohlwollens ihres gnädigsten Fürsten und
Landesherrn gewürdiget worden zu seyn, und schon in früherer Zeit Zusicherungen erhalten
zu haben, die sie in eine bessere Zukunft blicken lassen, so darf sie sich um so gewißer jetzt dem
Vertrauen hingeben, daß Ew. Hoch fürst liehe Durchlaucht die drückenden Verhältniße, unter
denen sie seufzt, einer gnädigsten Berücksichtigung werth halten werden.
Dieses Vertrauen hält uns allein aufrecht, und die nicht fürstlichen Gesinnungen welche
von Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht gegen die Repräsentanten des Landes geäußert wurden,
sind uns Bürge, daß wir nicht unerhört bleiben.
Eurer Hochfürstlichen Durchlaucht Gerechtigkeit und Humanität werden die Israeliten in
Höchst Ihrem Lande einer Wohlthat, welche ihren Glaubensgenoßen in den Nachbarstaaten
schon seit mehrere Jahren zu Theil geworden ist, nicht unwerth halten.
42 Erbprinz Friedrich Wilhelm Konstantin.
43 Der Appell ist sehr geschickt mit den Mitteln eines Traumgesichts ausgesprochen: Der verschiedene
Fürst verweist auf seinen Sohn, der nicht nur Schutz gewähren, sondern gleiches Recht für alle Untertanen
herstellen wird. Für die Söhne Jakobs tönt ein Freudenlied, wenn die Wunden, die der Geist der alten Zeit
den Israeliten schlug, durch den neuen Fürsten geheilt werden. - Dr. Samuel Mayer setzte alle Mittel ein,
ob als Rabbiner, als Rechtsanwalt oder als Poet, um seiner Gemeinde zur rechtlichen Gleichstellung zu
verhelfen.
44 »Petition der isralit. Gemeinde Hechingen wegen Feststellung ihrer bürgerlichen Verhältniße« vom
17. Dezember 1835 an die Landes-Deputation. (Es unterzeichneten die Deputierten M. Jacob Weil, Wolf
Ury, Jacob Simon, Seligmann Hochstädter, Benedikt Baruch, H. G. Ensel.) - StAS Ho 6 Nr. 302. Die
Regulierung der staatsbürgerlichen Verhältnisse der Juden. Band 1: 1834-1840.
45 Maren Kuhn-Rehfus: Die Juden in Hechingen. Rundfunkmanuskript. 1982, S. 6.
139
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1998/0153