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Dr. Samuel Mayer und die Hohenzollern
»auf! erhebe dich! wie lange noch willst unser Führer seyn? Auch wir wollen einmal Führer
und Regenten seyn! Folge und gehorche du uns!« Aber Moses erhob sich und sprach mit
freundlicher Würde: lieben Freunde! wollet ihr nicht ein Gleichniß hören? Und sie erwiderten
ihm: rede! Da begann er und sprach:
Es war einmal eine Schlange, welche keine Beute hatte, da fing sie Streit mit sich selbst an:
denn es sprach der Schweif zum Kopfe: du hast mich lange genug regiert, ich will auch einmal
Führer seyn! Und der Kopf sprach zu dem Schweife; so gehe, ich will dir folgen. Also ging der
Schweif zuerst, aber nicht vorwärts, sondern rückwärts, und der Kopf folgte ihm über Hecken
und Dornen, durch Wasser und Feuer. Da sprach der Kopf zum Schweife: du siehst jetzt, daß
wir miteinander zu Grunde gingen wenn ich dir noch länger folgen würde, überlasse mir wieder
die Regierung. Und der Schweif folgte ihm, und wollte nie wieder der Führer des Kopfes
seyn. Also, fuhr Moses fort, müßte es uns ergehen, wenn ich euch folgen würde. Ich führte euch
durch viele und große Gefahren, ich stand euch bei in jeder Noth und ich habe euch zu keiner
Zeit verlassen. Ja, auch ihr sollt Führer seyn, denn ihr sollet mit Klugheit regieren eure Stämme,
und mit Weisheit eure Familien, aber zum Führer des Volkes hat mich Gott bestimmt, und was
der Allweise angeordnet hat, das soll der kurzsichtige Sohn der Erde nicht ändern wollen.
Und die Unzufriedenen wurden nachdenkend und kehrten beschämt in ihre Zelte zurück,
denn die Stimme ihres Herzens sprach zu ihnen: es ist wahr, der Kopf sollte nie den Verstand
verlieren, und der Einflüsterung des Unverstandes Gehör geben. Wie würde es uns und unseren
Kindern ergehen, wenn wir sie über uns herrschen ließen! Mrm.
Es ist sehr durchsichtig, daß Rabbiner Dr. Samuel Mayer mit der Gestalt des Moses, des Führers
des Volkes, den regierenden Fürst meint, und mit den drohenden Stimmen der Männer
die Forderungen der >Revolutionäre<. Er ermuntert und rät in dieser Geschichte dem Fürst,
den Forderungen nicht nachzugeben, denn die Folgen wären absehbar unvernünftig und unheilvoll
. Durch die Parabel, die Belehrung, so glaubt Mayer, würden die Unzufriedenen Vernunft
annehmen und die - seiner Meinung nach - gottgewollte Ordnung bestehen lassen.
Was war geschehen? Fürst Friedrich Wilhelm Konstantin erinnerte sich später, daß er mit
bangem Herzen den Einfluß bemerkt hatte, welchen die allgemeinen Zustände Deutschlands
auch auf unsere Heimath übten, indem sie den gleichen inneren Uebeln, wie das Gesamt-Va-
terland erlag; die Zunahme der Bevölkerung, das Steigen der Bedürfnisse, die Gleichgültigkeit
im Religiösen, eine im Stillen zunehmende Unzufriedenheit, und alle die nationalpolitischen
Krankheitssimptome, welche das alte Europa durchzogen, ... Dies hatte seine Besorgnis rege
gemacht, deren Bestätigung der verhängnißvolle Merz des Jahres 1848 ihm brachtenb.
»... Fürst Friedrich Wilhelm Constantin war ein Mann des heitern Lebensgenusses«,
urteilt Julius Cramer126 über ihn. »Sohn des Fürsten Friedrich und der schönen, geistreichen
und feingebildeten Fürstin Pauline, Prinzessin von Cuiland, Sagau und Semgallen, die schon
früh den fürstlichen Hof verlassen, wuchs er ohne mütterlichen Einfluß bei Hofe auf. Er war
von guten geistigen und künstlerischen Anlagen. Eine seiner ersten Regentenhandlungen war
die Schöpfung einer Hofkapelle und einer Hofmusikintendanz und bald verschaffte er
Hechingen einen Namen in der musikalischen Welt. ... Constantin >war Staatsgeschäften und
ernster Arbeit wenig zugethan<. Nicht mehr der Serenissimus einer patriarchalischen Vergangenheit
, war dem Herrscher der Jetztzeit eine harte und gar undankbare Aufgabe geworden,
und den Hechinger Staatskarren aus dem Sumpf zu ziehen, in den er in der That gerathen,
124 Die Autorschaft S. Mayers scheint mir aus mehreren Gründen zweifelsfrei gegeben, obwohl die Geschichte
lediglich mit dem Kürzel »Mr« gekennzeichnet ist.
125 «Meine lieben Unterthanen!« In: Verordnungs- und Anzeigeblatt für das Fürstenthum Hohenzol-
lern-Hechingen. Nro. 29. Mittwoch den 10. April 1850, S. 114f.
126 Kreisrichter in Hechingen und Heimatforscher.
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