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Christoph Schmider
gingen Molitor die Reformen nicht schnell und weit genug, bei den Kirchenbesuchern dagegen
scheinen sie keineswegs nur Beifall hervorgerufen zu haben. Im Jahr 1880 schreibt er:
Damit hat aber die Reform der Kirchenmusik ihre Vollendung nicht erreicht; wir sind vielmehr
an dem Punkte angekommen, wo die Reform der Kirchenmusik Hand in Hand gehen
muß mit der Reform der Liturgie selbst, wo also ein Vorwärtsgehen ohne Mitwirkung des
Hochwürdigen Clerus nicht möglich ist. Deßhalb wende ich mich vertrauensvoll an das Hochwürdige
kath. Stadtpfarramt mit der gehorsamsten Bitte, meine Bemühungen, die keinen andern
Zwek haben als die Ehre Gottes und die Verherrlichung des Gottesdienstes, mit aller
Kraft zu unterstützen, besonders durch Kanzelvorträge, wie dieses gegenwärtig in den meisten
Diözesen Deutschlands geschieht. "Wird das kath. Volk vom Priester über die Liturgie, über die
Kirchensprache und über die diesbezüglichen von der hl. Kirche dem Priester und Chor gegebenen
Vorschriften genügend belehrt, so erregt die pünktliche Beobachtung der kirchlichen
Riten beim Volke nicht nur keine Unzufriedenheit, es wird nicht nur nicht abgestoßen, sondern
vielmehr durch die Schönheit und Erhabenheit eines solchen Gottesdienstes angezogen
und wahrhaft erbaut, wie dieses aus sehr vielen Fällen der jüngsten Zeit ersichtlich ist... Aus
den Berichten der verschiedenen Cäcilienvereine Deutschlands und außer deutscher Länder
kann man leicht ersehen, daß in Betreff der Reform der Kirchenmusik fast überall mehr geschieht
als in Hohenzollern, und deßhalb wiederhole ich meine oben ausgesprochene Bitte, um
in meinem nächsten Berichte an das Hochwürdigste Capitelsvicariat und an den Generalpräses
des Cäcilienvereins sagen zu können, daß auch bei uns in Hohenzollern ein Schritt vorwärts
geschehen ist, und an der Wiederherstellung der Kirchenmusik nach kirchl. Prinzipien auch der
kath. Clerus sich betheiliget durch Wort und That5i.
Molitor fühlte sich seiner selbstgestellten Aufgabe als Kirchenmusikreformer also nur
dann gewachsen, und er sah die Aufgabe nur dann als lösbar an, wenn ihm der Klerus dabei
kräftig half. Vor allem die Forderung, die Pfarrer möchten ihn durch Kanzelvorträge unterstützen
, zeigt nicht nur Molitors erzieherische Absichten, sondern ist darüber hinaus das Eingeständnis
, daß das, was er dem Volk als >besser< als das Gewohnte näherbringen will, nicht
überall sehr beliebt ist. Daß die Sigmaringer Katholiken sich mit der caecilianischen Kirchenmusik
auch nach mehr als zehn Jahren angestrengter Arbeit noch immer nicht recht anfreunden
wollten, schreibt er ausschließlich der in seinen Augen ungenügenden Unterstützung
durch den Klerus zu. Die Frage, ob es nicht vielleicht ihm selbst an »Maß und Milde in kirchenmusikalischen
Dingen«54 mangle, ob er nicht vielleicht zu viel verlange55, stellt er sich offensichtlich
nicht. Stattdessen drohte er dem Stadtpfarramt unverhohlen damit, sich eine andere
Stelle zu suchen, falls er nicht mehr Unterstützung bei seiner Arbeit bekäme - zwei Jahre
später verließ er Sigmaringen in der Tat.
Auch in Konstanz mußte Molitor in seinen Reformbestrebungen keineswegs am Nullpunkt
anfangen, hatte doch sein Vorgänger, der seit dem Frühjahr 1854 als Chordirektor amtierende
Gymnasialprofessor Ferdinand Schmalholz56, gründliche Vorarbeit geleistet57. Wie
die Reformen von Schmalholz im einzelnen vonstatten gingen, läßt sich anhand der erhaltenen
Archivalien nur ungefähr ermessen. Die Tatsachen, daß keine Klagen über ihn aktenkundig
sind und daß er später zum Erzb. Orgelbauinspektor58 ernannt wurde sprechen dafür, daß er
die Kirchenmusik zur allgemeinen Zufriedenheit gestalten konnte. Molitor, der außer der in
seinen Augen zu kleinen Chorbesetzung nichts Grundsätzliches an Schmalholz' Arbeit zu
53 PfA Sigmaringen, Nr. 210, Kantorstelle, Schreiben von J. B. Molitor an das Stadtpfarramt, 23. 8. 1880.
54 Vgl. P. Ambrosius Kienle OSB: Maß und Milde in kirchenmusikalischen Dingen. Gedanken über
unsere liturgische Musikreform. Freiburg 1901.
55 Vgl. ebd. S. 1, Überschrift des ersten Teils: »Ob wir nicht zu viel verlangen?«
56 Vgl. PfA Konstanz Münsterpfarrei, Münsterfabrikrechnungen, Rechnungsjahr 1854/55.
57 Vgl. hierzu Schmider (wie Anm. 1), S. 168-171.
58 Vgl. EAF, B2-6-28, diverse Schriftstücke.
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