Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., ZG 1563
Hohenzollerischer Geschichtsverein [Hrsg.]
Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte
34(120).1998
Seite: 211
(PDF, 85 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1998/0225
Sophie Scholl und das weibliche Reichsarbeitsdienstlager Krauchenwies

im Unterschied zum männlichen Arbeitsdienst besteht beim weiblichen RAD ein striktes
Rauch- und Alkoholverbot. Untersagt sind weiterhin die Lektüre eigener Bücher einschließlich
der Bibel sowie Kirchenbesuche. Es gilt eine von der hauptamtlichen Lagerführerin überwachte
strikte Lagerdisziplin, Verstöße gegen die Lagerordnung und zumal Männerkontakte
werden streng bestraft. Der Kontakt zu den eigenen Familien wird auf einige wenige sogenannte
»Reisesonntage« beschränkt. Offenbar die ersten sechs bis acht Wochen werden die jungen
Frauen nahezu ausschließlich innerhalb des Lagers beschäftigt, in der Hauswirtschaft, im Büro
und im Garten, ehe sie in der Folge bis zum Ende ihres Dienstes auf Bauernhöfen und in Haushalten
von Krauchenwies und den Nachbarorten eingesetzt werden. Nach in der Regel vier
Wochen wird dabei die »Außendienststelle« gewechselt, nur ausnahmsweise ist mit Zustimmung
der Lagerführerin eine Verlängerung möglich«11. Den Anspruch der Gleichheit unter den
»Arbeitsmaiden« dokumentiert die einheitliche Arbeits- und Freizeit-Uniform, welche die
jungen Frauen während des sechsmonatigen Dienstes ständig zu tragen haben. Es ist mithin eine
mit massivem Zwang und Reglementierung erzwungene Lagergemeinschaft, die die jungen
Frauen weitestgehend aller Privatheit und sozialen Außenkontakte beraubt und sie ungeschützt
der mit Lagerromantik und dem Gemeinschaftserlebnis unter Gleichaltrigen angereicherten
ideologischen Indoktrination durch den Nationalsozialismus aussetzt.

Diese Lebens- und Arbeitsbedingungen trifft auch die damals noch 19jährige Sophie
Scholl aus Ulm an, als sie nach Abitur und Abschluß einer einjährigen Kindergärtnerinnen-
Ausbildung am 6. April 1941 in Krauchenwies sehr zu ihrem Leidwesen ihren sechsmonatigen
Arbeitsdienst antreten muß. Das auffallendste ist die Kälte. Wenn ich nicht wüßte, daß es
bald einfach warm werden muß, dann würde ich Euch um ein Heizkissen bitten. Ich kann
lange nicht einschlafen, da es einfach zu kalt dazu ist, schreibt sie nach viertägiger Lagererfahrung
ihren Eltern. Auch für die schlanke Linie der Mädchen werde gesorgt, ehe man pumpelsatt
ist, gibt's schon nichts mehr zu essen12. Zwei Wochen später berichtet sie dann allerdings,
daß das Essen mit der Zeit besser und reichhaltiger werde. Außerdem habe sie gute Freunde
in der Küche, die ihr ab und zu etwas zukommen ließen13. Das enge Zusammenleben mit 80
anderen Mädchen im Lager fällt Sophie Scholl nicht immer leicht. Ihren Schlafraum teilt sie
mit zehn weiteren »Arbeitsmaiden«, vor ihrem Geschwätz muß sie sich abends oft die Ohren
verstopfen14. Einige Wochen später klagt sie in einem Brief an eine Freundin, daß unter den

9 Mietvertrag zwischen dem Fürstlich Hohenzollernschen Rentamt Sigmaringen und dem Deutschen
Reich, Reichsarbeitsdienst, vertreten durch den Bezirksverwalter der Bezirksleitung Xll in Stuttgart v.
476. April 1940 (FAS DS 122 Bd. 1 Nr. 195). Gegen einen jährlichen Mietzins von 2100 RM übernimmt
der RADwJ den größten Teil des Schloßgebäudes. Am 9. Mai wird das neue Arbeitsdienstlager in Gegenwart
von örtlichen Repräsentanten des NS-Staates feierlich eröffnet (Artikel »Neue Helferinnen für den
bäuerlichen Haushalt« - Verbo Sigmaringen v. 10. 5. 1940, Artikel »Stadtmädels werden der Bäuerin unentbehrlich
« - Verbo Sigmaringen v. 11.5.1940).

10 Zum Tagesablauf vgl. die allgemeinen Ausführungen bei Bajohr (wie Anm. 5), S. 341f., zur Situation
im RAD-Lager Krauchenwies vgl. Bericht von Ruth Steinbuch, Uhingen, an das Kreisarchiv Sigmaringen
v. 16. 1. 1998 zu ihrem Aufenthalt im RAD-Lager Krauchenwies von April bis September 1941 (KAS,
Dienstregistratur, Az. 361.25), Protokoll der Zeitzeugenbefragung von Hedwig Pfaff, Krauchenwies,
durch Kreisarchivar E. Weber v. 18. 6. 1997 (KAS) sowie die Schilderungen von Sophie Scholl (Hans und
Sophie Scholl: Briefe und Aufzeichnungen. Hg. von Inge Jens. Frankfurt 1988, S. 211-236); zum Folgenden
vgl. ebenda.

11 Bericht von Ruth Steinbuch u. Zeitzeugenbefragung Hedwig Pfaff (wie Anm. 10), Erinnerungen von
Marianne Ziehler geb. Hammer, Sigmaringendorf, nach Mitteilung des Sigmaringendorfer Heimatforschers
Oskar Guide v. 4. 7. 1997.

12 Brief von Sophie Scholl an ihre Eltern und ihre Schwester Inge v. 10. 4. 1941 (Jens (wie Anm. 10),
S.213).

13 Brief an Eltern und Schwester Inge v. 25. 4. 1941 (Jens (wie Anm. 10), S. 219f.).

14 Tagebuch-Eintrag v. 10.4. 1941 (Jens (wie Anm. 10), S. 211).

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