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Sophie Scholl und das weibliche Reichsarbeitsdienstlager Krauchenwies
verschrobenen und bissigen Art ebenfalls nicht für besonders fähig halte, habe sie persönlich
keinen Grund, sich zu beklagen. Die Lagerführerin verfahre recht vorsichtig mit ihr, so daß sie
sich manchmal wundere. Während sie anderen den Besitz eigener Bücher im Lager verbiete,
gestatte sie ihr dies aus einem unbekannten Grund18. Einige Wochen später berichtet Sophie
Scholl, daß die Lagerführerin unbegreiflicherweise und ohne ihr Zutun sehr nett zu ihr sei. Sie
dürfe aufs Büro, wo es warm ist!, und schreiben und zeichnen, sogar ein vormittäglicher Ausflug
nach Sigmaringen zum Kauf von Karton sei ihr ohne die ansonsten vorgeschriebene Begleitung
beim Verlassen des Lagers erlaubt worden19.
Die ersten zwei Monate ist Sophie Scholl ausschließlich im Innenbetrieb des RAD-Lagers
tätig, wo die gebildete und künstlerisch talentierte junge Frau offenbar mit Schreibarbeiten im
Büro sowie unter anderem auch mit dem Zeichnen von Osterkarten sowie einer Landkarte
von Griechenland betraut wird20, die im Frühsommer 1941, während des deutschen Balkan-
Feldzuges, vermutlich Verwendung bei der weltanschaulichen Schulung der Mädchen findet.
Sophie Scholl empfindet diese Beschränkung ihres Freiraums auf das Lager als regelrechte Gefangenschaft
und sehnt sich in ihren Briefen und Aufzeichungen dem Einsatz im Außendienst
entgegen, der allerdings Woche um Woche auf sich warten läßt.21 Die bereits erwähnte halbtägige
Ausfahrt per Fahrrad in die Kreisstadt Sigmaringen zum Einkauf von Karton empfindet
sie als mein(en) schönste(n) Tag bisher22. Als sie Anfang Mai 1941 dann endlich in den Außendienst
auf einen Bauernhof kommt, erhält in ihren Augen der ganze Arbeitsdienst... ein anderes
Gesicht^. Sophie Scholl lernt auf ihrer ersten Stelle die ganze Bandbreite der bäuerlichen
Arbeit kennen, das Unkrautjäten auf Mohnfeldern und das Rübenhacken gehören ebenso dazu
wie die Mithilfe im Stall und bei der Heuernte. Die Tätigkeit empfindet sie als erdnah und
mühsam, abends ist sie mit einem wohligen Müdesein erfüllt. Die Arbeit tu ich gern, und im
Stall und in dem ganzen Dreck des Hofes fühle ich mich ganz wohl und heimisch und löffle
skrupellos mit allen aus einer Schüssel, berichtet sie nach zweiwöchigem Außendienst ihrem
Bruder Hans. Am meisten aber schätzt sie, daß sie jetzt täglich acht Stunden weg vom Lager
ist und damit dem dortigen Druck entrinnen kann.
Der Hinweis von Sophie Scholl in einem Brief, wonach ihr täglicher Weg in den Außendienst
mit dem Fahrrad über 8 Kilometer bergauf, bergab durch lichten Wald führt, sowie ein
gleichfalls brieflich festgehaltener späterer Sonntags-Ausflug mit einer Kameradin (vermutlich
Gisela Schertling E. W.) auf unsere(m) alten schönen Weg nach Sigmaringen-Dorf zum
Besuch von Außendiensten lassen vermuten, daß der erste Einsatzort in Sigmaringendorf
lag24. Im Gemeindearchiv Krauchenwies erhaltene Monatsabrechnungen des Reichsarbeitsdienstes
für den Außendiensteinsatz der »Arbeitsmaiden« belegen, daß die Mädchen neben
Krauchenwies selbst auch in einer Vielzahl von Nachbarorten eingesetzt wurden: In Ablach,
Bittelschieß, Ettisweiler, Glashütte, Habsthal, Hausen am Andelsbach, Rulfingen, Sigmarin-
18 Brief an Eltern u. Schwester Inge v. 10. 4. 1941 (wie Anm. 12) u. Tagebucheintrag v. 10. 4. 1941 (wie
Anm. 14).
19 Brief an Eltern u. Schwester Inge v. 25. 4. 1941 (wie Anm. 13).
20 Ebenda sowie Tagebuch-Eintrag v. 10. 4. 1941 (wie Anm. 14).
21 Vgl. etwa Brief an Lisa Remppis v. 13. 4.1941 (Jens (wie Anm. 10), S. 215f.) - »Wir Armen sind im Lager
gefangen und dürfen es vor dem 20. April nicht verlassen« - sowie Brief an Eltern und Schwester Inge
v.25.4. 1941 (wie Anm. 13).
22 Brief an Eltern und Schwester Inge v. 25. 4. 1941 (wie Anm. 13).
23 Brief an Lisa Remppis v. 5. 6. 1941 (Jens (wie Anm. 10), S. 223f.); Schilderungen ihrer Arbeit auf dem
ersten Bauernhof enthalten auch ihre Briefe an den Bruder Hans v. 13. 6. 1941 u. 23. 6. 1941 (Jens (wie
Anm. 10), S. 224f. u. 227f.); zum Folgenden vgl. ebenda.
24 Briefe an Lisa Remppis v. 5. 6. 1941 (wie Anm. 23) und an ihre Schwester Elisabeth v. 29. 8. 1941 (Jens
(wie Anm. 10), Anmerkungen, S. 347).
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