Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., ZG 1563
Hohenzollerischer Geschichtsverein [Hrsg.]
Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte
34(120).1998
Seite: 217
(PDF, 85 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1998/0231
Sophie Scholl und das weibliche Reichsarbeitsdienstlager Krauchenwies

ner zum Kriegsdienst einberufen waren34, kommen nach einem Bericht des damaligen Ortspfarrers
Karl Ehinger viele französische und russische Kriegsgefangene zum Arbeitseinsatz,
und überdies war eine Anzahl polnische und ukrainische Burschen und Mädchen ... zwangsweise
hier beschäftigt^. Obgleich nach Einschätzung von Pfarrer Ehinger mit den in Krauchenwies
tätigen Ausländern im allgemeinen gut auszukommen war, sind auch die hier eingesetzten
Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter vielfach einer erniedrigenden Behandlung und
schlimmen Schikanen ausgesetzt, die den verbrecherischen Charakter des Naziregimes mehr
als deutlich machen. Den Franzosen wird der sonntägliche Gottesdienstbesuch anfangs
wöchentlich, später nur noch einmal pro Monat erlaubt und schließlich ganz verboten. Den
Polen wird jeden ersten Sonntag im Monat eine besondere Heilige Messe zugestanden - jedoch
ohne die Anwesenheit von Deutschen, ohne Sang und Klang und mit Verbot des Sakramentempfangs36
. In den Unterlagen des Krauchenwieser Gemeindearchivs finden sich etliche
Hinweise auf gegen ausländische Zwangsarbeiter zumeist wegen Lappalien verhängte Strafen
, wobei etwa im Fall der 21jährigen Polin Zofia Wrobel Ende 1941 als Grund für eine Anzeige
bei der Gestapo und die anschließende Bestrafung ein unerlaubter sonntagabendlicher
Besuch bei Landsleuten in Veringenstadt ohne Tragen des vorgeschriebenen »P« auf der Kleidung
und mit gleichfalls verbotener Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln ausreicht37.
In mindestens sechs anderen Orten des heutigen Kreisgebietes werden in dieser Zeit Ausländer
aufgrund von als »Rassenschande« verbotenen Beziehungen zu deutschen Frauen in
Schnellverfahren verurteilt und anschließend grausam umgebracht oder in Konzentrationslager
eingeliefert38.

Im Unterschied zur Mehrzahl ihrer Lagerkameradinnen, die sich überwiegend bis heute
ein insgesamt positives Bild von ihrer RAD-Zeit bewahrt haben und die Tage im Krauchenwieser
Schloß als mit die unbeschwertesten (ihres) Lebens erinnern39, nimmt Sophie Scholl die
verbrecherische Seite des Dritten Reiches mit zunehmender Deutlichkeit und immer
schmerzlicherer Klarheit wahr. Die Erfahrung einer nationalsozialistisch inspirierten
Zwangsgemeinschaft in Krauchenwies ist für die junge Frau dabei eine weitere wichtige
Etappe in ihrem Entwicklungsprozeß der Abwendung und Distanzierung vom braunen
Unrechtsregime, an dessen Ende dann seit dem Sommer 1942 der aktive Widerstand steht.

34 Krauchenwies zählte am 17. 5. 1939 insgesamt 1079 Einwohner (Meinrad Häberle: Der Landkreis
Sigmaringen 1925-1972. Ein Beitrag zu seiner Geschichte. Sigmaringen 1985, S. 217); Zusammenstellung
v. 16. 12. 1941 der aus Krauchenwies zum Heeresdienst Einberufenen (GA Krauchenwies, Rechnungsbeilagen
1941/11).

35 Geschichte des Weltkrieges 1939-45, soweit er Krauchenwies berührte, verfaßt von Geistl. Rat Pfarrer
Ehinger o. D. (Winter 1945/46) (Erzbischöfliches Archiv Freiburg (EAF) B2-35/151 - Berichte über
Kriegsereignisse (2. Weltkrieg) - Dekanate Villingen - Hohenzollern). Karl Ehinger (1870-1950) ist von
Dezember 1910 bis September 1947 Pfarrer in Krauchenwies (freundl. Mitteilung des Pfarramts Krauchenwies
v. 18. 6. 1997).

36 Ebd.

37 Mitteilung des Bürgermeisters an den Gemeinderechner v. 21. 3. 1942 über gegen polnische »Civilar-
beiter« 1941 verhängte Strafen (GA Krauchenwies, Rechnungsbeilagen 1941/1).

38 Von der Diktatur zur Besatzung (wie Anm. 4), Einführung, S. 9 u. 13.

39 Bericht von Ruth Steinbuch (wie Anm. 10). Das gleiche Bild ergab auch die Befragung von Krauchenwieser
Frauen zu ihrer RAD-Zeit durch die Lehrerin Elisabeth Haidlauf und ihre Schüler (freundl. Mitteilung
von Frau Haidlauf v. 17. 7. 1997) wie auch die Zeitzeugenbefragung von Hedwig Pfaff (wie Anm. 10),
vgl. außerdem Utz Jeggle u. a.: Nationalsozialismus im Landkreis Tübingen. Eine Heimatkunde. Tübingen
21989, S. 67 (Kapitel »Ob Studentin oder Fabrikmädel, im Lager sind wir alle gleich«). Ruth Steinbuch
hat im Unterschied zu Sophie Scholl das Leben im Krauchenwieser Schloß (auch wenn es voller Mäuse
war) nie als Kasernierung, empfunden, und die Indoktrination des nationalsozialistischen Gedankenguts
hielt sich in Grenzen.

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