Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., ZG 1563
Hohenzollerischer Geschichtsverein [Hrsg.]
Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte
34(120).1998
Seite: 222
(PDF, 85 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1998/0236
Edwin Ernst Weber

Kriegshilfsdienst in einem NSV-Kindergarten im südbadischen Blumberg abzuleisten hat60.
Vermutlich Anfang Oktober 1941 verläßt sie dann Krauchenwies und das dortige Landschlößchen
. Ihr weiterer Werdegang ist bekannt: Nach dem Ende des Blumberger Kriegshilfsdienstes
nimmt Sophie Scholl Anfang Mai 1942 in München das seit langem angestrebte Studium
der Philosophie und Biologie auf6'. Dort schließt sie sich alsbald einem Freundeskreis um
ihren Bruder Hans Scholl an, der durch das gemeinsame Interesse an Kunst, Literatur und
Musik sowie durch eine wachsende Distanz zum NS-Regime verbunden ist und unter dem
bestürzenden Eindruck der Gewaltpolitik des Dritten Reiches und der Verbrechen an Juden,
Behinderten sowie in den besetzten Gebieten seit Mai 1942 Flugblattaktionen gegen Hitler
unternimmt. Beim eigenhändigen Verteilen des sechsten Flugblattes der Gruppe, der »Weißen
Rose«, an der Münchner Universität werden Sophie und Hans Scholl am 18. Februar 1943 gefaßt
und, zusammen mit ihrem Freund Christoph Probst, vier Tage später, am 22. Februar,
durch den eigens von Berlin in die bayerische Hauptstadt angereisten ersten Senat des Volksgerichtshofes
unter seinem Präsidenten Roland Freisler in einem »kurzen Prozeß« wegen
Vorbereitung zum Hochverrat und wegen Feindbegünstigung zum Tode verurteilt und noch
am selben Tag hingerichtet.

Im letzten, an die studentischen Kommilitonen gerichteten Flugblatt der »Weißen Rose«
ist eine Passage, die so etwas wie eine verallgemeinerte Autobiographie enthält, in Bezug auf
die von Sophie Scholl im Krauchenwieser RAD-Lager gemachten Erfahrungen von Interesse.
In einem Staat rücksichtsloser Knebelung jeder freien Meinungsäußerung sind wir aufgewachsen
, heißt es darin. HJ, SA, SS haben uns in den fruchtbarsten Bildungsjahren unseres
Lebens zu uniformieren, zu revolutionieren, zu narkotisieren versucht. »Weltanschauliche
Schulung" hieß die verächtliche Methode, das aufkommende Selbstdenken und Selbstwerten
in einem Nebel leerer Phrasen zu ersticken*'1. Bei den Geschwistern Scholl war den Nationalsozialisten
der Versuch der »Uniformierung« und »Narkotisierung« schon früh mißlungen63.
Nachdem jugendlicher Patriotismus, Hingabebereitschaft und Gemeinschaftssinn vor allem
Hans und in weniger ausgeprägtem Maße auch Sophie gegen die Warnungen zumal des
Vaters Robert Scholl in die Hitlerjugend und die NS-Mädchenorganisation BDM geführt
hatten, erfolgt unter dem Eindruck der Geistlosigkeit und Primitivität der Nazi-Organisationen
alsbald wieder eine immer entschiedenere Abkehr. Sophie Scholl macht ihre entscheidenden
Negativ-Erfahrungen mit nationalsozialistisch bestimmten Gemeinschaften dabei im
Ulmer Fröbel-Seminar für Kindergärtnerinnen sowie im Krauchenwieser RAD-Lager. Am
Ende stehen, wie geschildert, Abscheu und Verachtung gegenüber dem NS-Regime und seinen
Einrichtungen.

Von der in Krauchenwies bereits stark ausgeprägten und weiter verstärkten Resistenz hin
zum aktiven Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft mit allen bewußt
hingenommenen Risiken für die eigene Existenz ist es indessen sowohl bei Sophie Scholl wie
auch ihren Freunden von der »Weißen Rose« noch ein längerer Weg. Die Abkehr vom Nationalsozialismus
in die erwähnten privaten »Nischen« wandelt sich unter dem Eindruck der gegen
die eigene Familie gerichteten Repressionen64 sowie der schockierenden Erfahrung der
Gewalt- und Unrechtspolitik des Dritten Reiches zum direkten Vorgehen gegen die verab-
scheuungswürdigste Tyrannis, die unser Volk je erduldet hat, wie es gleichfalls im letzten Flug-

60 Jens (wie Anm. 10), S. 236.

61 Vgl. hierzu und zum Folgenden Vinke (wie Anm. 33), S. 98ff.

62 Abdruck des Flugblatts bei Lill (wie Anm. 40), S. 207f.

63 Vgl. hierzu und zum folgenden ebd. S. 32ff.

64 Anfang August 1942 war der Vater Robert Scholl von einem Sondergericht wegen »Heimtücke« zu
einer viermonatigen Gefängnisstrafe verurteilt worden, weil er in seinem Büro Hitler »eine große Gottesgeißel
« genannt hatte und denunziert worden war (Vinke (wie Anm. 33), S. 125f.).

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