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»Es war wie überall, eben kleiner« - Französische Besatzung in Burladingen (1945-1948)
ließ sich von diesen Vorschläge machen. Aufgrund ihrer Empfehlung ernannte er dann den
Bürgermeister und die übrige Verwaltungsspitze.
All diese Ernennungen waren jedoch von recht provisorischem Charakter, und es erfolgten
häufig neuerliche Umbesetzungen dieser Stellen im Laufe des Jahres 1945. In dieser zweiten
Neubesetzungsphase schied dann auch der Großteil der nationalsozialistisch vorbelasteten
Beamten aus. An deren Stelle traten nun viele facherfahrene Kommunalbeamte aus der Weimarer
Zeit, die im Nationalsozialismus entfernt worden waren293. »Im Kreis Hechingen wurden
schon wenige Wochen nach dem Einmarsch die meisten Bürgermeister von der Militärregierung
abgesetzt, und Männer, die im Dritten Reich verfolgt wurden oder diesem zumindest
ablehnend gegenüberstanden, in diese Ämter berufen. Ihre Aufgabe war es, die erforderlichen
Verhandlungen mit den örtlichen Besatzungsbehörden zu führen und die oft harten und einschneidenden
Anordnungen an die Bevölkerung weiterzugeben und ihre Befolgung zu überwachen
«294. »Krieg, Kapitulation und Besatzungszeit gestalteten die Verwaltung der Gemeinde
mehrfach um. Nach der Besetzung Burladingens im April 1945 wurde der Lehrer i. R. und
Fabrikant Josef Widmaier als Bürgermeister eingesetzt. Er löste den amtierenden Beigeordneten
Alois Ritter ab. Im Herbst 1946 trat an seine Stelle Braumeister Johann Graf. Beide Bürgermeister
waren den Vorstellungen der französischen Besatzungsmacht gemäß wieder ehrenamtlich
tätig. Die in den ersten drei Nachkriegsjahren tätigen Gemeindeorgane versahen ein
schwieriges und undankbares Amt. Eigentliches kommmunales Wirken blieb ihnen versagt,
statt dessen waren sie durch die Auflagen der Besatzungsmacht und die Bewirtschaftung der
so knappen Lebensmittel und Bedarfsgüter zu ständigen Eingriffen in die Interessensphären
des einzelnen Bürgers gezwungen«295.
Auf die schwierigen Aufgaben eines Bürgermeisters in den ersten Wochen der Besatzung
verweist ein Ausschnitt aus den »Hohenzollerischen Blättern«: »Herr Bürgermeister Widmaier
, der seit dem Einmarsch das mühevolle und undankbare Amt des Gemeindevaters übernommen
hat, hat die Gemeinde zu wirklichem Dank verpflichtet. Es war keine beneidenswerte
Sache, das Amt des Bürgermeisters in jenen Tagen innezuhaben, in denen sich der Einmarsch
vollzog und jeder einzelne und jedes Haus ein anderes Anliegen hatte und die
Besatzung in erster Linie zu ihrem Recht kommen mußte. Nur wer sich in so eine große Indu-
striegemeinde hineindenken kann, weiß, was an persönlichem Mut und persönlicher Initiative
dazugehört, daß unsere Gemeinde so reibungslos über manchmal geradezu unmögliche Situationen
hinwegkam. Die meisten Dienststellen der Gemeinde sind neu besetzt«296.
Die Burladinger Zeitzeugen/innen erinnern sich an die wechselnden Bürgermeister
während der Kriegs- und Nachkriegszeit. »Am Kriegsende war ja der Ritter Bürgermeister, und
dann haben die Franzosen den Widmaier eingesetzt, und bei der ersten Bürgermeisterwahl nach
dem Krieg ist dann der Graf gewählt worden. Bei der nächsten Wahl ist dann der Dr. Rettich
wieder gewählt worden, der vor dem Krieg ja hier Bürgermeister war. Der Graf hat sich da
anscheinend nicht so richtig eingesetzt und hat gedacht, das fällt ihm in den Schoß, und das kann
nicht sein, daß man den wählt, weil er ja in der Hitlerei schon war. Der erste Prellbock beim
Einmarsch war der Bürgermeister Ritter. Der hat die Gemeinde repräsentieren müssen und die
Bevölkerung und hat also allerhand einstecken müssen. Man hat alle Bürgermeister nach dem
Einmarsch erst einmal abgesetzt. Ich weiß nicht, der Widmaier, heute würde man sagen, der ist
FDP gewesen, Demokratische Volkspartei hat's geheißen. Ich weiß gar nicht, wie sie auf den
293 Vgl. Herbert Maier: Die Entwicklung der kommunalen Politik und Organisation in den drei westlichen
Besatzungszonen. In: Josef Becker/Theo Stammen/Peter Waldmann (Hg.): Vorgeschichte der
Bundesrepublik Deutschland. Zwischen Kapitulation und Grundgesetz. 2. Auflage. München 1987, S.
351-365.
294 Speidel (wie Teil I, Anm. 133), S. 247/248.
295 Burladinger Heimatbuch, S. 16.
296 Hohenzollerische Blätter, Juni 1946.
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