http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1998/0253
»Es war wie überall, eben kleiner« - Französische Besatzung in Burladingen (1945-1948)
Ein anderer Informant gibt den seiner Meinung nach realistischen Grund für die damalige
NSDAP-Mitgliedschaft der Lehrer an: »Man mußte gar nichts tun. Man mußte auch nicht in
die Partei eintreten. Ein Lehrer mußte in die Partei, gerade der Y. und die haben alle ihre Stellung
gerettet, damit sie nicht an die Front gekommen sind. Der ist Ortsgruppenleiter in Stein-
hilben gewesen, und dann war er unabkömmlich. Der Lehrer Z. war HJ-Führer, dann war der
unabkömmlich. Und so sind hier lauter Unabkömmliche gewesen. Da hat einer den anderen
unabkömmlich gemacht. Da hat einer den anderen gewaschen, für unabkömmlich erklärt. (...)
Der Lehrer W., der nachher auch noch Chronikführer bei der Kirche war, der war auch in der
Partei, auch in der SA. Im Grunde genommen sind sie alle in der Partei gewesen, bloß um ihre
eigene Haut zu schützen«345.
Ein Beispiel für die französische Entnazifizierungspraxis, die den Charakter »fast völliger
Willkür«346 trug, stellt die politische Säuberung der Lehrerin von Lassaulx dar, »deren aufrechte
, christliche Haltung ihr im Dritten Reich Anfeindungen eintrug und sie 1935 nach Burladingen
strafversetzt wurde«347. Sie wurde - trotz ihrer scheinbaren Nicht-Mitgliedschaft in
der NSDAP - entnazifiziert, um zwei Gehaltsstufen zurückgesetzt und ihr für zwei Jahre das
Recht der Wählbarkeit aberkannt.
Ein Schreiben des Pfarrers Ferdinand Wunsch anläßlich ihres 25jährigen Dienstjubiläums
informiert über einige biographische Daten: »Im Jahre 1937 wird Fräulein von Lassaulx gezwungen
- unter Androhung der Entlassung aus dem Dienst - in die NS-Frauenschaft einzutreten
, nachdem die Versuche, sie in den NS-Lehrerbund zu bringen, fehlgeschlagen waren. Es
ist aufgefallen, so schreibt der NS-Lehrerbund, Kreisverwaltung Balingen, am 7.12.37, >daß sie
zu Beginn der Lehrerbundestagung am 25. November in Hechingen den Saal verlassen habe.
Der Grund ihres Verhaltens würde mich interessieren. Ich sehe daher einer Äußerung Ihrerseits
in Bälde entgegen<. Fräulein von Lassaulx hatte den Saal einfach deshalb verlassen, weil
sie nicht Mitglied werden wollte. Es gab deshalb verschiedene Verhöre auf der Kreisleitung.
Darum dann die gewaltsame Mitgliedschaft im NS-Frauenbund! Und nun kommt das Köstliche
! Die Geschichte der Menschen zeigt doch, wie richtig das Wort aus den Psalmen ist.
Dort steht geschrieben, wie die Menschen auf allerlei merkwürdige Gedanken kommen: >Und
Gott lachte ihrer.< Am 12. Februar 1948 bekommt Fräulein von Lassaulx einen Entnazifizierungsbescheid
! Der Staatskommissar für politische Säuberung hat die furchtbare Schuld der
Burladinger Lehrerin geahnt, indem er sie zwei Gehaltsstufen zurückversetzte und ihr auf
zwei Jahre die politische Wählbarkeit versagte. Für die Zumessung der vorbezeichneten Maßnahmen
war entscheidend, daß die Betroffene 1937 in den NS-Frauenbund eingetreten ist.
Kostenpunkt Reichsmark 40, zu zahlen an das Finanzamt in Sigmaringen. Dabei war Fräulein
von Lassaulx Mitglied des Entnazifizierungsausschusses in Hechingen«348.
In den Erinnerungen der Gesprächspartner/innen war die Lehrerin »erzkatholisch« und
konnte scheinbar schon aus diesem Grund nichts mit der Partei zu tun gehabt haben. »Das glaube
ich nicht, daß die Lehrerin von Lassaulx entnazifiziert worden ist. Die ist erzkatholisch gewesen
. Die haben sie sogar einmal im Stürmer - das war ja so eine Nazizeitung - angeschwärzt.
Die war erzkatholisch, die war alles andere als ein Nazi. Die war kein Nazi, und das Fräulein
Gerharz auch nicht. Die mußten als Lehrer eben in die Partei, aber sie waren alles andere als
Nazis. Also, ich weiß keinen Lehrer, der so mit der Uniform herumgelaufen ist als den früheren
Rektor. Zum Teil hat man die Lehrer eingetauscht, man hat sie an andere Schulen versetzt. Man
345 Interview mit Herrn E. am 21.3.1991.
346 Walter Dirks: Folgen der Entnazifizierung. Ihre Auswirkungen in kleinen und mittleren Gemeinden
der drei westlichen Zonen. In: Sociologica. Aufsätze Max Horkheimer zum sechzigsten Geburtstag.
Stuttgart 1974, S. 452. In: Volker Dotterweich: Die Entnazifizierung. In: Becker/Stammen/Waldmann
: Vorgeschichte der Bundesrepublik Deutschland, S. 147.
347 Chronik der katholischen Pfarrgemeinde Burladingen.
348 Chronik der katholischen Pfarrgemeinde Burladingen. St. Fidelisblatt, 27.12.1959.
239
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1998/0253