Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., ZG 1563
Hohenzollerischer Geschichtsverein [Hrsg.]
Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte
34(120).1998
Seite: 244
(PDF, 85 MB)
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Ute Weidemeyer-Schellinger

Mundartdichtung, schön in seinen Tanzdarbietungen und geradezu hervorragend in seinen
Klaviervorträgen. Die Höhe der musikalisch-schauspielerischen Tätigkeit in unserer Gemeinde
erreichte unbestritten >Die bunte Rakete< - Gefangene spielen für ihre gefangenen Kameraden
. Nur ganz ausnahmsweise einmal war der große Lindensaal derart gefüllt«372.

Das »Katholische Kirchenblatt für die Pfarreien des Lauchert- und Fehlatales und der
Hohenzollernalb« berichtet am 10. November 1946 vom Borromäusverein der katholischen
Pfarrei Burladingen: »Jeden Sonntag wird jetzt im Winter von zwei bis drei Uhr Bücherausgabe
im Pfarrsaal sein. Die Bücher dürfen nicht länger als vier Wochen behalten werden, da die
Anzahl der Bände gering ist. Die Gestapo hat uns im Krieg 300 Bücher weggenommen. Neue
Bücher können noch nicht angeschafft werden. Darum sollen die Bücher nicht länger als vier
Wochen in einer Hand sein. Die Nachfrage ist groß. Denke immer, andere möchten auch
etwas zum Lesen haben«373. »Die kirchliche Bücherei ist wieder geöffnet worden. Die hat's
vorher schon gegeben«374.

Kritischer betrachtet Pfarrer Richard Biener ein Ereignis, das weitläufig in den Bereich der
kulturellen Entwicklung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gehört. »Menschen sind die
Menschenkinder aller Zeiten, aller Zonen, ob sie unter Palmenblättern, ob sie unter Birken
wohnen. Noch schmachten Millionen deutscher Gefangener im Feindesland unter einen unwürdigen
Los in Gefangenschaft. Von vielen weiß man seit Jahren nicht, ob sie die Heimat je
wiedersehen werden. Und doch sucht unsere Jugend Tanz und Vergnügen. Zwar sind öffentliche
Tanzbelustigungen verboten, aber die Jugend hält einen Tanzkurs im >Engel<, zu dem
schon ganz Junge, kaum der Schule Entwachsene, kommen. Bei einem Tanzabend schaute ein
Franzose zur Tür hinein. Gleich schrie ein junges Bürschchen: Raus! Der Franzose holte die
Wache und diese trieb die Mädchen auseinander, während die Buben auf die Wache genommen
wurden in der Firma Gebrüder Mayer. Dort wurden sie ausgefragt, verprügelt und wieder
entlassen. Einer wurde verhaftet und ins Gefängnis nach Hechingen transportiert«375.

Herr D. erinnert sich detailliert an dieses Geschehen, das im Zentrum seiner Erinnerung hinsichtlich
der Besatzung steht. »Ich meine, die Franzosen hatten die Macht. Die konnten sagen,
wenn innerhalb der und der Zeit dies und jenes nicht da ist, wird das und jenes eben abgeholt.
Es gab dann auch Ende 45, Anfang 46 einmal wieder einen Tanzkurs oder so etwas. Da haben sie
dann im >Engel< einen Tanzkurs veranstaltet. Dann kamen auch Franzosen herein, und dann hat
einer geschrien: Raus! Dann sind sie wieder abgehauen und zehn Minuten später kam ein Offizier
und hatte 20 Mann dabei. Das Gewehr wurde aufgepflanzt und gefragt: Wer hat geschrien?
Keiner. Ja, jetzt was machen? Die konnten ja nicht alle einsperren, wenn's keiner gewesen sein
wollte. Dann hat der Offizier zu den Soldaten gesagt: Jedem einen Tritt in den Hintern! Und
einer war dabei, der war mit einem Franzosen - das war ein Elsässer, der deutsch konnte - gut
bekannt und so ein bißchen Kamerad, und der wollte dem also keinen Tritt geben. Dann hat der
Offizier den angeschrien: Offizierssprechung muß sein! Und hat ihm auch einen Tritt gegeben,
nicht so einen festen wie den anderen, aber er hat ihm eben auch einen Tritt geben müssen.
Damit war dann der Fall erledigt, aber soviel ich weiß, mußten sie dann den Tanzkurs abbrechen
. Der durfte nicht weitergeführt werden wegen diesem Vorfall«376.

Im Bericht des Pfarrers und der heutigen Rekonstruktion des Ereignisses wird die Diskrepanz
zwischen der damaligen Situation und dem heutigen Umgang deutlich. Während
1945/46 wahrscheinlich viele Menschen denselben Standpunkt wie der Pfarrer vertreten haben
, scheint es heute nur allzu verständlich, daß die jungen Leute nach dem Krieg und den

372 Hohenzollerische Blätter, Juni 1946.

373 Katholisches Kirchenblatt für die Pfarreien des Lauchert- und Fehlatales und der Hohenzollernalb,
10.11.1946.

374 Interview mit Herrn A. am 22.1.1991.

375 Chronik der katholischen Pfarrgemeinde Burladingen.

376 Interview mit Herrn D. am 9.4.1991.

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