http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1998/0264
Ute Weidemeyer-Schellinger
können. Ich meine, so ist man durchgekommen. Man hat nicht gehabt, was man wollte, aber
man hat nicht hungern müssen. Eier hat man gehabt und Milch hat man gehabt, geschlachtet
hat man«398. »In den drei Jahren vom Kriegsende bis zur Währungsreform war's schon hart.
Aber bei uns auf dem Land ging's ja immer noch, weil man dann ja auch die Landwirtschaft
wieder gehabt hat. Obwohl kein Kunstdünger und nichts da war, aber das, was eben gewachsen
ist. Aber wenigstens hat man einmal wieder einen Sack Mehl gehabt. Aber in den Städten
sind ja die Kinder buchstäblich verhungert«399. »Die Menschen hier haben keinen Hunger gehabt
. Hier hat ja jeder seine Kuh gehabt. Man hat jedes Plätzchen umgetrieben, Kartoffeln gesetzt
oder andere Sachen. Was man eben für den Haushalt so gebraucht hat. Da ist es nicht wie
heute gewesen, daß alles brachliegt. Jedes Plätzchen wurde ausgenutzt und jeder hat einen
Garten neben dem Haus gehabt. Und so ist man bei uns gut über die Runden gekommen«400.
»Ich meine, es war vielleicht ein bißchen ein Vorteil mit den Lebensmitteln, weil man eben hier
noch ein klein bißchen Landwirtschaft nebenher betrieben hat. Hier war ja in jedem Haus ein
klein bißchen Landwirtschaft. Das war in den Städten schon anders, wenn die wirklich bloß
auf die Lebensmittelkarten angewiesen waren, so wie jetzt die Familie meiner Frau. Das war
schon anders. Und man hat keine Möglichkeit gehabt, irgendwo etwas hinzuzukriegen, weil
es einfach gar nichts gegeben hat. Da hat man sich hier schon ein bißchen besser helfen können
. Man hat ja auch jedes Winkelchen genutzt. Hier am Wald zum Beispiel waren lauter kleine
Gärten, die also die Leute, die kein eigenes Land gehabt haben oder keinen Garten beim
Haus, um ein paar Pfennige von der Gemeinde gemietet haben, und dann hat man das Ding
angelegt. Die haben dort ihre Kartoffeln gehabt und ihr Gemüse. Und das hat eben der Städter
alles nicht gehabt. Oder man hat Hühner halten können und alles. Also das muß man positiv
sehen und dankbar sagen. Das war also schon ein Vorteil gegenüber den anderen«401.
Daß die Varianten, auf dem Land ohne Nahrungsmangel über die Runden zu kommen,
von einem »schwarzen Schwein« und den Anbau eigener Erzeugnisse in Garten und Landwirtschaft
über den Tauschhandel bis zum Hamstern von Nahrungsmitteln reichten, berichten
alle Interviewpartner/innen in konkreter und detaillierter Weise. Die Anekdoten, an die
sie sich in diesem Zusammenhang erinnern, verdeutlichen, daß sich wiederholt eine Verbindung
zwischen den beiden Sphären >große und kleine Welt< herstellen läßt. Auf der Ebene der
alltäglichen, kleinen Welt stehen solche >Geschichten< im Vordergrund der Erinnerung, im
Bereich der großen >Geschichte< handelt es sich um die Versorgungslage und die damals üblichen
Ablieferungen, die jedoch wiederum in den Bereich des Alltäglichen hineinreichen. Die
>Geschichten< der Gesprächspartner/innen verweisen auf die >Geschichte<, haben sich in deren
Kontext ereignet; simultan werden in diesen >Anekdoten< die Bewegungen der >großen Ge-
schichte< deutlich spürbar.
Die Ausschnitte aus den Lebensgeschichten der Männer und Frauen illustrieren also auch
in diesem Bereich die Zusammenhänge ihres persönlichen Erlebens mit den allgemeinen
gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen. Dabei durchdringen die persönliche Geschichte
und diejenige der sozialen Gruppe, in der und mit der der eigene Lebenslauf vollzogen
wurde, sich gegenseitig. »Hier hat man schwarz geschlachtet. Es hat hier auch einmal
einer schwarz geschlachtet gehabt und ist mit dem Auto heimgefahren. Da hat er das Schwein
drin gehabt, das er geschlachtet hat. Vielleicht ist irgendwo noch Blut gewesen, auf alle Fälle
haben die Franzosen ihn erwischt, und er hat dann natürlich viel davon hergeben müssen. Ein
Schlachter hat später einmal gesagt, wenn die alle in meine Metzgerei kämen, denen ich
schwarz geschlachtet habe, dann hätte ich den Laden immer voll. Er war fast jede Nacht
398 Interview mit Frau E. am 15.5.1991.
399 Interview mit Frau F. am 16.4.1991.
400 Interview mit Herrn H. am 16.5.1991.
401 Interview mit Herrn A. am 22.1.1991.
250
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1998/0264