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Ute Weidemeyer-Schellinger
Frankreich- und Exporthiebe) in den Jahren 1945 bis 1949. Auch wenn eine teilweise Bezahlung
erfolgte, wird man - schon im Hinblick auf die Art der Durchführung - diese Holzentnahmen
als Reparationen titulieren müssen. Selbst für den unbefangenen Betrachter sah es in den Jahren
nach dem Krieg so aus, als wenn die Franzosen ihren Deutschland-Aufenthalt dazu benutzen
wollten, um den Baumbestand ihrer Zone mitzunehmen. »Mit dem Abholzungsprogramm, das
bereits kurz nach dem Einmarsch gestartet wurde, ging der Forsteinschlag im deutschen Südwesten
bald um 350 Prozent über die normalen Hiebansätze hinaus. Es wurden Holzfällertrupps
aus der Schweiz und aus Frankreich engagiert, die sich zur großen Erbitterung der Einheimischen
an die Arbeit machten. Um allem noch die Krone aufzusetzen, wurden ihre Löhne
auf die Besatzungskosten abgewälzt. Holz war zu dieser Zeit ein äußerst begehrtes Produkt, das
auf dem Weltmarkt nur für kostbare Devisen in beschränktem Umfang zu haben war. Es wurde
in vielen Ländern für die Beseitigung der Kriegszerstörungen gebraucht«446.
Auch in Burladingen »drohte der Waldreichtum der Gemeinde, früher ein Segen, zum
Fluch zu werden«447, denn die Franzosenhiebe, die zum Teil als Kahlschlag vorgenommen
wurden, brachten besondere Belastungen mit sich. »Besonders schwierig gestalteten sich die
forstwirtschaftlichen Verhältnisse in der Besatzungszeit. Nach dem Rechenschaftsbericht des
Bürgermeisters Johann Graf über die Jahre 1947 und 1948 ist der Gemeinde Burladingen
gleich in den ersten Wochen seiner Amtstätigkeit von der Besatzungsmacht eine Holzumlage
von 10800 Festmetern zudiktiert worden, die ein Drittel mehr als 1946 und beinahe das Doppelte
der Vorjahre betrug und die Gemeinde vor bisher unbekannte Schwierigkeiten gestellt
hat. Bei dem Mangel an Waldarbeitern konnte es nicht ausbleiben, daß nach Aufarbeitung der
für die Besatzungsmacht vorgesehene Holzmenge die Brennstoffversorgung der einheimischen
Bevölkerung äußerst gefährdet war und die Holzausgabe sich deshalb bis in den Herbst
hineinzog. Über alldem lastete als Hauptsorge der Holzschlag der Besatzungsmacht, >dem
unsere umfangreichen Waldungen - durch den Fleiß und die Schaffenskraft unserer Ahnen
entstanden - zum Opfer zu fallen drohten<. Dem Kahlhieb Gabelhau sind 6280 Festmeter
Nadelholz im Wert von 87934 Reichsmark, dem Sonderhieb in den Distrikten Mühlhalde,
Enzenberg, Bernstein, Ameisen- und Lindenhäldele 1825 Festmeter erstklassiges Buchennutzholz
im Werte von 28250 Reichmark und 23 342 DM zum Opfer gefallen. Ein Protestschritt
des Gemeinderates hiergegen war völlig ergebnislos. Selbst Landtag und Regierung
vermochten hier nichts zu erreichen. Im ganzen betrugen die von der Besatzungsmacht auferlegten
Sonderhiebe über 64000 Festmeter«448.
Während der Abtransport der Maschinen aus den Fabriken nur von denjenigen Frauen
und Männern erinnert wird, die im Bereich der Industrie tätig waren, berichten beinahe alle
männlichen Gesprächspartner über die Abholzung der Burladinger Wälder - dieser Bereich
der französischen Demontagepolitik scheint allgemein bekannt gewesen zu sein. Wenn sich
auch ausschließlich Männer an die Holzschlagaktionen erinnnern, handelt es sich hierbei keineswegs
um ein geschlechtsspezifisch unterschiedliches Erinnerungsvermögen, sondern statt
dessen um das Faktum, daß die Frauen mit solchen Aktionen nicht unmittelbar in Berührung
gekommen und diese folglich - da sie eben nicht zu den bedeutsamen Begebenheiten und
Erfahrungen in ihrer Biographie gehörten - in Vergessenheit geraten sind.
Als damaliger Bürgermeister der Gemeinde Hausen erinnert sich Herr G. an spezielle Details
bezüglich der Abholzung der Wälder: »Es war ein kompletter Kahlschlag in Hausen. Das
geschah im gleichen Zeitraum wie in Burladingen. Der Haubenberg ist ein weites Gebiet, und
das hat man abgeholzt. Das war der schönste Tannenwald, den wir damals gehabt haben. Die
haben riesige Kreissägen aus Frankreich gebracht und haben das gleich gesägt und auf dem
Bahnhof in Burladingen verladen. Man hat dann den Wald wieder neu eingesetzt, der ist jetzt
446 Thies, Van Daak (wie Teil 1, Anm. 142), S. 85.
447 Bericht eines Verwaltungsangestellten der Gemeinde Burladingen, 29.10.1971.
448 Burladinger Heimatbuch, S. 35.
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