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»Es war wie überall, eben kleiner« - Französische Besatzung in Burladingen (1945-1948)
Schäfchen, die sich in der Glanzzeit des Dritten Reiches nicht in die Kirche verirrt hatten,
wollten nun von den Pfarrern und Priestern bescheinigt bekommen, wie ehrenwert und charakterlich
einwandfrei man doch die Nazizeit >überstanden habe<«487.
Diese Schreiben, die im Wortlaut von den Betroffenen häufig bereits verfaßt waren, wurden
dem Pfarrer oder Bürgermeister nur noch zur Unterschrift vorgelegt, die diese oft auch geleistet
haben, um sich nicht mit der Bevölkerung, mit der sie in regelmäßigem Kontakt standen, anzufeinden
. Der damalige Bürgermeister Johann Graf hat jedem Nazi solch einen Persilschein ausgestellt
, während Pfarrer Richard Biener eine entsprechende Auswahl getroffen hat.
Frau B. erinnert sich, daß ihr Mann keine Feindschaften innerhalb der Bevölkerung riskieren
wollte, folglich in seiner Funktion als Bürgermeister diese Scheine unterschrieben und den
Aktivisten der nationalsozialistischen Partei ihre Harmlosigkeit bestätigt habe. »Also es hat
schon eine Entnazifizierung gegeben. Dann ist natürlich jeder gekommen und hat ein gutes
Zeugnis wollen, auch die Größeren (Nazis, d.V.). Und wem wollte man keines geben? Wem
will man da keines geben? Mit wem will man sich da anfeinden, wenn man selbst daheim ein
Geschäft gehabt hat? Und sowieso, mein Mann hat immer gesagt, wenn ich jetzt dem ein
schlechtes Zeugnis gebe, was bringt das mir? Nur Schlechtes. Man hat schon gewußt, wer hier
ein Nazi war. Und als dann einmal einer kam, hat er gesagt: Ja, was soll ich jetzt sagen? Wenn
ich jetzt dem ein schlechtes Zeugnis ausstelle? Mir hat er nichts getan. Und da war ja auch alles
vorbei! Dann hat er gesagt: Ja, was habe ich dann davon, wenn ich dem ein schlechtes Zeugnis
ausstelle? Er hat keinem ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Da sind einige zu ihm gekommen.
Das war ein fertiges Schreiben, er mußte bloß noch unterschreiben. Und zum Pfarrer sind sie
auch gegangen, und der hat anscheinend zu einem gesagt: Nein, das könne er nicht tun. Aber
was hat man da nachher sagen wollen? Da kann man nachher doch nichts mehr darüber sagen.
Beim Ausstellen der Zeugnisse ist jeder über den Bengel gesprungen. Mein Mann hat keinen
denunziert. Ich weiß nicht, ob der Zahnarzt X. gekommen ist, aber es sind einige zu meinem
Mann gekommen. Einige sind gekommen und auch solche, die schon etwas im Hintergrund
gehabt haben. Die Kleinen haben keine gebraucht, aber die, die etwas gemacht haben, die haben
schon Scheine gebraucht. Und die sind zum Pfarrer Biener gekommen und zu meinem
Mann. Ich weiß noch, wenn mein Mann den Pfarrer irgendwo getroffen hat: Jetzt, was
schimpft man über uns zwei? Natürlich, in solch einem Fall hätte man schon über sie geschimpft
. Also mein Mann hat gesagt: Das würde mir einfallen, ich schwärze keinen an, ich
mache das nicht! Man hat natürlich gewußt, wer da Nazi gewesen ist, aber er hat ihnen nichts
nachgesagt. Ja, aber was will man da machen? Wenn man jetzt gesagt hätte, der und der, und
man hätte die kleinen Kerle eingesperrt und hätte die Großen laufen lassen, dann hätte es einen
nachher auch gereut. Also ich weiß, mein Mann hat immer gesagt: Ich mache nichts«488. »Ja
freilich, das hat's hier auch gegeben. Da hat der Pfarrer auch oft über den Bengel springen
müssen, wie man so sagt«489.
Ein Gesprächspartner betrachtet das Ausstellen der Persilscheine durch den Burladinger
Bürgermeister und den Pfarrer aus einer anderen Perspektive: »Solche Waschlappen sind das
gewesen. Es tut mir leid, auch wenn beide gestorben sind, solche Waschlappen sind das gewesen
. Aber da sieht man wieder die Gutmütigkeit. Dann hat man mit denen (Nazis, d.V.) Bedauern
gehabt. Die haben alle noch Kinder gehabt, und dann hat man gesagt: Das kann man
den Kindern nicht antun. Und wies so ist. Da waren welche dabei, die haben noch geweint.
Wenn sie die Bilder in der Kirche geküßt haben, haben sie auch noch geweint. Also der Johann
Graf hat in seiner Rolle als Bürgermeister in dem Sinn auf den großen Haufen gemacht. Da hat
er auch, weil welche dabei waren, die eine Nummer gehabt haben, katzbuckelt. Das ist klar,
487 Klaus-Peter Creamer: Leberwurst aus Sägespänen. Leben in Deutschland 1945-1948. Weinheim
und Basel 1985, S. 42.
488 Interview mit Frau B. am 18.2.1991.
489 Interview mit Herrn A. am 22.1.1991.
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