Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., ZG 1563
Hohenzollerischer Geschichtsverein [Hrsg.]
Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte
34(120).1998
Seite: 278
(PDF, 85 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1998/0292
Ute Weidemeyer-Schellinger

wenn ich einem, der eine Stellung hat, unterschreibe, dann muß ich ja dem anderen auch unterschreiben
. Sonst wäre das ja nicht richtig. So ungefähr in dem Sinn ist das gegangen«490.
»Aber der Pfarrer hat ihnen nicht so leicht eine Bescheinigung ausgestellt. Dem haben sie (die
Nazis, d.V.) viele Schwierigkeiten gemacht. Die sind hinten in der Kirche gestanden und haben
immer zugehört, was er gepredigt hat, haben es aufgeschrieben. Und wenn er etwas Entsprechendes
gesagt hat, ist es an die Gestapo nach Sigmaringen gegangen. Ich glaube, er mußte
zwölf- oder dreizehnmal vorreiten beim Regierungspräsidenten in Sigmaringen, weil er gegen
die Hitler etwas gesagt hat. Und er hat es denen nach dem Krieg nicht so leicht gemacht. Als
Pfarrer konnte er das auch, das hat er schon in der Hand gehabt. Die Besatzung hat sich ja
nicht gegen das Pfarramt gerichtet. Jetzt mein Bruder (Bürgermeister Johann Graf, d.V.) wollte
das nicht. Dann hätte es geheißen: Du hast mich auch ... Und weil wir eine Wirtschaft gehabt
haben, und dann wären die Verwandten gekommen und dann hätte es geheißen: Du bist
schuld, daß mein Vater eingesperrt worden ist. Es ist eben in einem so kleinen Ort nicht so
leicht gewesen damals. Wenn man einen da nicht so gekannt hätte, dann wäre das auch ein
bißchen anders gekommen«491.

Eine Erinnerung dokumentiert, daß nicht nur Bürgermeister und Pfarrer, sondern auch
Privatpersonen solche Leumundszeugnisse - in diesem Fall einem Nazi, der den Onkel der
Interviewpartnerin ins Konzentrationslager gebracht hat - ausstellen sollten. »Gerade der eine
Nazi hat zu uns gesagt: Ich war ja nicht so, ich war ja nicht so. Und: Ihr kennt mich doch und
ihr wißt doch, daß ich nichts Unrechtes getan habe. Also da war er dann nachher wie ein
Lamm. Derjenige, der meinen Onkel angezeigt hat, ist dann auch - das weiß ich von der Tante
- nachher gekommen mit einem Zettel: Sie dürften bloß unterschreiben, daß er nicht schuld ist
und er nichts gesagt hat. Dann haben sie's aber nicht getan. Der hat gebittet und gebettelt: Ihr
werdet doch nicht wollen, daß ich fortkomme. An euch liegt's, ihr braucht nur die Unterschrift
geben. Dann haben sie aber gesagt: Nein, das, was man ihnen angetan hat, das können
sie nicht nur gerade mit einer Unterschrift abtun«492.

Wie die Burladinger Nationalsozialisten dann tatsächlich entnazifiziert worden sind, ob
und welche Maßnahmen ihnen auferlegt wurden, und wie sich die ehemaligen Parteimitglieder
nach dem Krieg gegenüber der Bevölkerung verhalten haben, berichten beinahe alle Informanten
/innen. Ihre Erinnerungen konzentrieren sich jedoch ausschließlich auf die »großen
Nazis«: die Ortsgruppenleiter Reinhold Weißenfels und Bruno Seemann, den Bürgermeister
Heinrich Rettich sowie die Lehrer.

In diesem Zusammenhang wird häufig erwähnt, daß einige Burladinger Parteimitglieder
für kurze Zeit ins Baiinger Internierungslager gebracht worden sind. »Am 7.9.1945 wurde der
hiesige Apotheker Reinhold Weißenfels von den Franzosen verhaftet. Er war der erste Ortsgruppenleiter
hier und seiner Initiative ist wohl das Aufblühen der NSDAP in Burladingen zu
verdanken. Als Idealist begann er seine Tätigkeit. Langsam erkannte er die verderbliche Auswirkung
von Hitlers Lehre. Er trat zurück. Bruno Seemann wurde sein Nachfolger. Nun
mußte er wie Seemann ins Gefängnis, jedoch nicht lange, am 10.9.45 durfte er wieder nach
Hause«493. »Die Nazis hat man dann ja weggebracht. Die waren ja dann im Gefängnis und im
Lager. Da unten in Dotternhausen war ein Lager. Da waren die schon eine Weile, und da haben
die (Franzosen, d.V.) dann immer Verhöre gemacht und so. Und ich glaube, für den Ortsgruppenleiter
Seemann hat man dann in Burladingen eigentlich gut ausgesagt, weil er war
loyal. Er war nicht so, daß er jemand Böses hätte wollen. Er ist eben auch da hineingerutscht
praktisch. Auch dem Apotheker Weißenfels ist nichts passiert nach dem Krieg, der war auch
in der Partei. Sonst wurden sie hauptsächlich mit Geldstrafen bestraft. Ihre Ämter haben sie

490 Interview mit Herrn E. am 21.3.1991.

491 Interview mit Herrn H. am 16.5.1991.

492 Interview mit Frau E. am 15.5.1991.

493 Chronik der katholischen Pfarrgemeinde Burladingen.

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