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Ute Weidemeyer-Schellinger
Amt bis Ende, also 45, als politisch minderbelastet, ohne Maßnahmen, Kosten zu Lasten der
Staatskasse, beschieden wurde, finde ich das Urteil gegen mich reichlich hart und habe nun die
Bitte, bei der jetzt im Gange befindlichen Einstufung doch meine Akten hinzuzuziehen; noch
lieber wäre es mir, wenn ich eine persönliche Rücksprache zugebilligt erhalten könnte, da
mündlich alles wohl besser zu besprechen wäre«502.
Nachdem Reinhold Weißenfels tatsächlich zur Kontrolle seines Entnazifizierungsbescheides
am 15. November 1948 zum Gouvernement Militaire geladen worden war, erging vom
Staatskommissar für die politische Säuberung/Land Württemberg-Hohenzollern am 4. März
1949 folgender Spruch: »Der Betroffene ist Mitläufer. Gründe: Der Betroffene war Mitglied
NSDAP seit 33 (Ortsgruppenleiter), SAR 33/34, NSKK, NDF (förderndes Mitglied), KdF
(Theatergemeinde), NSV, NSKOV«503.
Der Apotheker - »der erste Nazi in Burladingen« - war folglich nur »einfaches nominelles
Mitglied der NSDAP oder ihrer Verbände«, »gehörte einer durch das Nürnberger Urteil für
verbrecherisch erklärten Organisation nicht an« und »hat die nationalsozialistische Herrschaft
nur unwesentlich unterstützt«504, so die Entscheidung der Spruchkammer IV, die damit
die bisher verhängten Sühnemaßnahmen aufgehoben hat. »Da hat's schon Entnazifizierungsverfahren
gegeben, da hat auch die KPD eine Rolle gespielt. Das weiß ich eben auch vom
Hörensagen. Und das hat ihnen auch ordentlich geschadet. Die Mitgliederkartei von der
NSDAP war ja da. Ich weiß nicht, wem die in die Hände gefallen ist, ob die die Franzosen gekriegt
haben oder ob sie nachher die deutsche Verwaltung gekriegt hat. Jedes Parteimitglied ist
ja meiner Meinung entnazifiziert worden. Jeder stand ja auf der Kartei drauf. Die ganzen
Fabrikanten, ich weiß nicht, wahrscheinlich waren die alle in der Partei. Es wird nicht anders
gegangen sein, und dann sind sie auch entnazifiziert worden. Wahrscheinlich ist es schon
durchgesickert, welcher ehemalige Nazi mit welchen Maßnahmen belegt wurde. Es ist ja
nichts geheimzuhalten. Untereinander haben's die Beteiligten wahrscheinlich erfahren und
dann doch ausgeplaudert. Und der eine hat wahrscheinlich gedacht, von mir wird man's erfahren
, dann ist's gut, wenn man's von dem auch erfährt. Dann ist's nicht so schlimm, dann bin ich
nicht alleine. So läuft doch das«505. »Da muß eine Liste von der Partei dagewesen sein mit den
Namen der Parteimitglieder. Und dann kann ich mir auch vorstellen, daß einer den anderen
verschwätzt hat, der war auch noch dabei«506.
In diesen Zusammenhang gehört das Faktum, daß selbst in einer Landgemeinde wie Burladingen
eine »antifaschistische Arbeitsgemeinschaft Gauselfingen, Burladingen und Hausen
«507 existiert hat, die bestrebt war, die politische Säuberung durch ihre Untersuchungen zu
unterstützen und zu intensivieren. In privaten Unterlagen findet sich ein Schreiben dieser
Arbeitsgemeinschaft vom 7. März 1947 an die ehemaligen Mitglieder der NSDAP Ortsgruppe
Burladingen, die dort namentlich aufgeführt sind, betreffend »politischer Säuberung vom
Nationalsozialismus und Militarismus«508. »Den vorstehenden Adressaten sei in Erinnerung
gebracht, daß die Öffentlichkeit aufgerufen ist, bei der Entnazifizierung tatkräftig mitzuarbeiten
, bei abgeschlossenen Verfahren neue Tatsachen festzustellen. In Händen der Antifaschistischen
Arbeitsgemeinschaft befinden sich drei Verzeichnisse über Mitglieder der NSDAP
Ortsgruppe Burladingen. Eine Liste gibt 95, die andere 106, die dritte fast 200 Namen ungenügend
an. Laut Aussage des Pg X.Y. (Gemeindebeamter a.D.) soll der Mitgliederbestand der
Ortsgruppe über circa 400 gewesen sein. Bezogene Adressaten als Einzelpersonen bezie-
502 Ebd.
503 Ebd.
504 Ebd.
505 Interview mit Herrn A. am 22.1.1991.
506 Interview mit Frau E. am 15.5.1991.
507 Private Unterlagen.
508 Ebd.
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