Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., ZG 1563
Hohenzollerischer Geschichtsverein [Hrsg.]
Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte
34(120).1998
Seite: 281
(PDF, 85 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1998/0295
»Es war wie überall, eben kleiner« - Französische Besatzung in Burladingen (1945-1948)

hungsweise in Gemeinschaft werden hierdurch aufgefordert, sie sollen eine vollständige Ortsgruppenmitgliederliste
der NSDAP Burladingen/Gauselfingen zusammenstellen und solche
in dreifacher Ausfertigung vor 20. März 1947 an uns einreichen. Dazu stellen wir ein Musterblatt
zur Verfügung. Alle darin gestellten Fragen müssen gewissenhaft beantwortet werden.
Bei Nichtbeachtung würden wir gezwungen sein, ohne nochmaligen gütigen Versuch den
Maßstab aus bisweiligen Beobachtungen anzulegen. Es wird für die Belasteten gut sein, wenn
sie die politische Säuberung nicht sabotieren und am Auf- und Ausbau der Volksdemokratie
aber bereitwilligst mitarbeiten. Wir werden alles registrieren, was unserem politischen Bestreben
feindselig entgegentritt. Recht kann nicht zulassen, daß Nutznießer des III. Reiches noch
weiterhin von der Volksnot profitieren«509.

Eine detaillierte Erinnerung an die unzureichende politische Säuberung in Burladingen:
»Das waren ganz große und auch studierte Nazis. Die waren sogar im Entnazifizierungsausschuß
, das muß man sich einmal vorstellen. Und dann hat man einen nur als Mitläufer bezeichnet
, und dann hat sich der noch aufgeregt. Zu uns hat derjenige gesagt, als sie uns ans
Haus geschrieben haben, ab nach Rußland mit euch! Und mein Vater hat ja damals bloß nein
gewählt. Und als man den Scherenschleifer entnazifiziert hat, war ich schon hier. Das war ja
erst drei, vier Jahre nach Kriegsende, als man die Burschen entnazifiziert hat. Da hat sich hier
schon alles wieder so gut eingespielt gehabt. Im Ausschuß sind Nazis aus Burladingen gesessen
. Und der eine, den ich jetzt meine, den hat man nur als Mitläufer bezeichnet. Und dann hat
sich der noch aufgeregt, da hat der noch weniger als Mitläufer sein wollen. Dann hat der damalige
Bürgermeister Johann Graf das angefochten. Und der war bloß Mitläufer, den hat man
nicht einmal im Gehalt zurückgestuft, das war ein Privatmann. Den hat man rehabilitiert als
Mitläufer. Und er hätte jeden einsperren lassen, der irgend etwas gesagt hätte. Der Vater von
meinem Schwager war auch ein großer Nazi. Der war auch auf dem Rathaus damals. Also der
hat sich tatsächlich dazu bekannt, aber nachher hat er's bereut. Das waren ja lauter Kerle, die
nichts zu sagen gehabt haben. Und nach dem Krieg sind sie alle sehr viel in die Kirche gegangen
, die ganze SA und haben die Hände hochgestreckt. Wenn sie an die Wolken gekommen
wären, hätten sie sie bis zu den Wolken hochgestreckt. Und haben noch Heiligenbilder
geküßt. Die waren dann wieder brav. Und dann haben sie sich in sämtlichen Vereinen wieder
groß gemacht. Und das Schönste ist, daß sie am Schluß wieder überall auf ihre Posten gekommen
sind, nach dem Krieg. Das war im Grunde genommen das Schönste, daß die Leute so
blöd sind und haben nicht einmal von hier bis dort hinüber gedacht. Sie sind so ziemlich alle
wieder auf ihre früheren Posten gekommen. Bei der Entnazifizierung sind Nazis gesessen, als
Beisitzer im Ausschuß. Das ist Tatsache. Zum Beispiel der Dr. Johannsen von Hechingen,
eines von den größten Schweinen. Da sind welche im Ausschuß gesessen, die selbst Nazis
gewesen sind. Die Burladinger Nazis haben ja kein Schuldgefühl gehabt. Die sind dann - ich
muß heute noch lachen, wenn meine Frau das erzählt -, gerade die von der SA, als der Krieg 45
gerade vorbei war, am 24. April sind sie einmarschiert und kurz darauf ist ja bei den Katholischen
Maiandacht. Und da sind sie alle treu und brav in die Kirche zur Maiandacht, gerade
die Sorte da. Das muß man sich einmal vorstellen. Jahrelang sind sie nicht in die Kirche, und
dann sind sie jeden Abend in die Kirche gegangen. Angst haben sie gehabt, aber das ist auch
Diplomatie gewesen. Und als ich heimgekommen bin, da war schon wieder alles okay. Als ich
anno 48 nach Burladingen gekommen bin, war das schon so weit, daß nicht einer gedacht hat,
er hätte etwas gemacht. Dort, wo ich gearbeitet habe, ist ein braunes Viertel gewesen und
nachher ein rotes. Die wechseln alles, so wie man's braucht«'10.

Herr G. erinnert sich an seine persönliche Entnazifizierung, die jedoch erst nach seiner
Amtseinführung als Bürgermeister erfolgt ist. »Man mußte gleich von Anfang an, zu Beginn

509 Ebd.

510 Interview mit Herrn E. am 21.3.1991.

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