Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., ZG 1563
Hohenzollerischer Geschichtsverein [Hrsg.]
Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte
34(120).1998
Seite: 282
(PDF, 85 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1998/0296
Ute Weidemeyer-Schellinger

meines Amtes mußte man alle Parteimitglieder benennen. Aber da lagen Listen vor. Zum
Glück mußte ich das nicht selbst feststellen. Da war ich gottfroh. Ich wurde 45 als Bürgermeister
eingesetzt, und 46 kam dann die Entnazifizierungsgeschichte. Also bei mir ging das
umgekehrt. Ich wäre jetzt wahrscheinlich eingesetzt worden, egal, was ich vorher gemacht
habe. Aber vom Alter her konnte ja da nicht allzuviel passiert sein. Bei der Machtergreifung
33/34 ging ich ja noch zur Schule, und dann war ich ein paar Jahre in der HJ. Es war ja nichts
anderes, man hat ja hinmüssen. Und das war mir dann sowieso alles zuwider, und da ist mir
schon 37 der Gedanke gekommen: Gut, diese Zeit liegt jetzt eben vor mir, jetzt mache ich das
freiwillig weg. Und dann habe ich mich im Herbst 37 freiwillig gemeldet, und dadurch war ich
dann eigentlich ein verhältnismäßig junger Soldat damals. Und in dem Zusammenhang mit
dem Nationalsozialismus war da nicht viel. Und 46 kam dann die Entnazifizierungssache, da
mußte ich dann einen Bogen ausfüllen. Und da waren schon Fragen darauf, daß ich mir zuletzt
gesagt habe, so gebe ich ihn ab und wenn ich nicht würdig bin (als Bürgermeister, d.V.), dann
soll's ein anderer machen. Aber es ist dann gleich ein Bescheid gekommen. >Ohne Maßnahmen
ist da gestanden. Vor allen Dingen die Nationalsozialisten mußten den Bogen ausfüllen.
Das ist ja jetzt wieder die Parallele da drüben in der DDR«511.

Ebenfalls in den Bereich der Entnazifizierung gehört die Exhumierung der kurz nach dem
Einmarsch in Burladingen beerdigten französischen Soldaten, die von ehemaligen Parteimitgliedern
vorgenommen werden mußte. »Einige bei den vorausgegangenen Kämpfen gefallenen
Franzosen und Marokkaner wurden auf einem Grundstück südlich der Fideliskirche beerdigt
, später aber wieder ausgegraben und von abziehenden Truppen mitgenommen«512.
»Am 22. Juni 1945 wurden auf dem von den Franzosen angelegten Friedhof unterhalb der
Kirche die Exhumierung der vier Toten vorgenommen. Unsere beiden Totengräber wurden
von den Parteimitgliedern X. und Y. unterstützt. Mit militärischer Ehrenbezeugung wurde
der Camion mit den Särgen weitergeleitet nach dem Sammelfriedhof in Riedlingen«513. »Auf
dem Gelände unterhalb der Kirche waren doch gefallene französische Soldaten vom Einmarsch
bestattet worden. Und die hat man ja nachher wieder ausgraben müssen, die haben sie
ja mitgenommen. Und das haben auch Parteimitglieder machen müssen. Die hat man zu dem
Zweck geholt«514.

In diesem Zusammenhang ist auch die Umbettung der über 1200 Toten zu betrachten, die
in den letzten Kriegsmonaten in dem von den Nazis errichteten Konzentrationslager Bisingen
umgekommen waren. Bei der Ausgrabung der Toten, die in menschenunwürdiger Weise beigesetzt
worden waren, mußten ebenfalls besonders belastete ehemalige Parteimitglieder helfen
. »Bei diesen Toten handelte es sich zum größten Teil um Deportierte aus Osteuropa und
aus dem Balkan, die in dem Bisinger Ölschieferwerk arbeiten mußten und von denen die meisten
an den Folgen schlechter Behandlung und an Hunger starben. Auf Anordnung der französischen
Militärregierung mußten ihre Leichen ausgegraben, nach Möglichkeit identifiziert
und in Särgen bestattet werden. Sie wurden auf dem Ehrenfriedhof, der auf dem Lagergelände
errichtet wurde, beigesetzt«515. »Und der Ortsgruppenleiter und der Apotheker Weißenfels -
das waren ja hier die großen Hitler - und die Frauenschaftsführerin mußten bei der Umlegung
der Gräber des KZ Bisingen dabei sein. Das muß furchtbar gewesen sein!«516

Die Nationalsozialisten der Nachbargemeinde Hausen mußten bei der Ausgrabung von
sieben englischen Soldaten helfen, die dort nach dem Abschuß zweier englischer Kampfflugzeuge
im Jahr 1943 beerdigt worden waren. »Und das war noch ein Ereignis, das noch heraus-

511 Ebd.

512 Burladinger Heimatbuch, S. 117.

513 Chronik der katholischen Pfarrgemeinde Burladingen.

514 Interview mit Herrn A. am 22.1.1991.

515 Speidel (wie Teil 1, Anm. 133), S. 268/69.

516 Interview mit Frau B. am 18.2.1991.

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