http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1998/0300
Ute Weidemeyer-Schellinger
das war ganz einfach. Der stellvertretende Bürgermeister Ritter hat mir den Lehrvertrag gegeben
und hat gesagt: Nimm' ihn mit nach Hause und laß' ihn deinen Vater unterschreiben und
dann schickt man den ans Landratsamt. Dann hat man meinen Vater auf's Rathaus kommen lassen
und hat gesagt: Der Lehrvertrag wird nicht bestätigt, wenn ich nicht Mitglied von der HJ
werde. Und dann bin ich Mitglied von der HJ geworden und habe dann meinen Lehrvertrag gehabt
. Was will man denn machen? Das ist doch Dummheit, da war ich 14 Jahre. Und dann kann
man nachher nicht sagen, der ist... Und so ähnlich ist es dem Rettich auch gegangen. Ich weiß
auch nicht, was man ihm anhängen wollte, ich weiß es wirklich nicht. Auffällig ist nichts gewesen
, das wüßte man. Er hat sich vielleicht ein bißchen zurückgehalten manchmal, aber das war
seine Natur. Aber er hat sich auch im guten Sinn zurückgehalten. Man konnte sich auch nicht
direkt gegen die Nationalsozialisten stellen, das hat man nicht können. Ich weiß auch nicht, es
war eine verdammte Zeit, wirklich wahr. Aber er ist nie mit fliegender Fahne vorausmarschiert.
Er war dann auch in belgischer Gefangenschaft, das war ganz schlimm. Und einer von hier ist
bei ihm gewesen, er hat auch ein bißchen für ihn gesorgt und hat ihn ein bißchen bemuttert, ein
bißchen betreut, weil er einfach hilflos war. Der war am Zusammenbrechen. Ja, und dann ist er
heimgekommen, und dann ist das Drama hier gekommen. Im Gemeinderatsprotokoll ist es so
ausgedrückt, daß er nie wieder Bürgermeister wird und man soll ihn aus der Pensionsberechtigung
herausschmeißen. Das Übliche eben. Das sind so Zeiten!«533
Die Spruchkammerakte des Bürgermeisters Dr. Rettich, die nach einer Genehmigung der
Landesarchivdirektion Baden-Württemberg im Staatsarchiv Sigmaringen eingesehen werden
konnte, enthielt keinerlei relevanten Daten und Fakten hinsichtlich der parteipolitischen
Aktivitäten des Bürgermeisters im Nationalsozialismus sowie der Begründung seiner Entnazifizierungsmaßnahmen
.
Die Akte umfaßt größtenteils persönliche, seitenlange Revisionsschreiben sowie einige
Entlastungszeugnisse, die ihn trotz seiner früheren Mitgliedschaft nachträglich scheinbar zum
Gegner des Nationalsozialismus werden lassen. Selbstverständlich ist er der Partei am
1.5.1933 »in letzter Minute« unter Zwang beigetreten, hat sein Amt völlig »unpolitisch und
unparteiisch« verwaltet, war »stets ein Gegner des Antisemitismus« und hat »den in Haigerloch
ansässigen Juden auch nach 1933 stets nach besten Kräften geholfen«534. Obwohl der ehemalige
Bürgermeister, der sich als »Ehrenmann«, »gediegenen Fachmann« und »politisch absolut
zuverlässigen Beamten« bezeichnet, im Laufe seiner Revisionsbriefe einräumt, in seinem
dienstlichen wie privaten Verhalten »zwar eine Loyalität bekundet« zu haben, »wie ich sie in
Anbetracht der mir gegenüber geübten Duldung schuldig zu sein glaubte«, betont er jedoch,
daß er »weder bewußt noch unbewußt irgendwie Aktivist des NS-Systems gewesen«535 sei.
Ein Fazit: »Hätte sich bis 1933 jedermann in Deutschland so verhalten wie ich, so hätte es niemals
ein sogenanntes Drittes Reich, nie die politische Figur eines Adolf Hitler gegeben. Nach
1933 habe ich in meinem Wirkungskreis das Bestmögliche getan, die Auswirkungen des
Systems von dem mir anvertrauten Personenkreis fernzuhalten«536.
Dies sei ihm, so seine Meinung, »als Pg und kleinem Amtswalter viel eher möglich« gewesen
, »als dies ein nicht partei- oder gliederungsangehörender Gemeindeleiter vermocht haben
würde, sofern er überhaupt geduldet worden wäre«537. Diese Revision seiner eigenen Person,
hier in Kurzform wiedergegeben, veranlaßt zunächst zur kritischen Anmerkung, ob das im
nachhinein nicht jeder von sich behaupten kann. Die zahlreichen Revisionsschreiben stellen
doch eher ein eindeutiges Indiz für die Tatsache dar, daß er sich als Bürgermeister in irgendeiner
Form am Nationalsozialismus beteiligt hat. Die Entlastungszeugnisse des Ende des Jah-
533 Ebd.
534 Staatsarchiv Sigmaringen Wü 13, Nr. 1265.
535 Ebd.
536 Ebd.
537 Ebd.
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