Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., ZG 1563
Hohenzollerischer Geschichtsverein [Hrsg.]
Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte
34(120).1998
Seite: 290
(PDF, 85 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1998/0304
Ute Weidemeyer-Schellinger

Ruhrgebietes, trafen in Burladingen ein. Sie hatten von den goldenen Bergen der Schwäbischen
Alb, von guten Stellungen in der Textilindustrie und von einem vom Krieg kaum verwüsteten
Gemeinwesen gehört. Die Realität war brutaler. In den Fabriken mußte man harte
Arbeit für wenig Lohn leisten. Und auch mit den Hiesigen wurden die Reingeschmeckten
nicht richtig warm. Vielleicht lag es daran, daß die meisten Flüchtlinge evangelisch waren.
Natürlich hielten sie auch im katholischen Burladingen an ihrem Glauben fest. Jeden Sonntag
traf sich die evangelische Kirchengemeinde im Rathaus-Rückgebäude, um mit dem Gammer-
tinger Pfarrer den Gottesdienst zu feiern. Die Neuankömmlinge hatten es nicht leicht, zumal
sie ohne ihre Verwandtschaft ganz auf sich allein gestellt eine neue Existenz aufbauen mußten.
Viele fühlten sich einsam, und das Fernsehen ersetzte - auch wenn es seltsam klingt - die
fehlenden Kontakte zu den Mitmenschen. An Nahrungsmitteln hingegen fehlte es kaum, für
manche, nach Jahren des Hungers in zerbombten Städten, eine ganz neue positive
Erfahrung«549.

Die Schulchronik beinhaltet Einzelheiten über die Ankunft von Ostflüchtlingen aus Dänemark
im September 1947 in Burladingen: »Im September kamen die ersten Ostflüchtlinge aus
Dänemark an. Sie waren dort in großen abgeschlossenen Lagern, die sie nicht verlassen durften
, untergebracht. Nach dem Aussehen war die Verpflegung dort nicht schlecht, dagegen waren
sie mit Kleidern und Schuhzeug schlecht versorgt. Haushaltungs-, Wohnungs- und Wäschestücke
besaßen sie nicht. Teilweise nur, was sie am Leibe trugen. Allmählich wurden sie
privat untergebracht. Bis 11.11.47 waren 19 Ostflüchtlingskinder in der Schule, sechs katholische
und dreizehn evangelische«550.

Alle Interviewpartner/innen betonen bei der Rekonstruktion der damaligen Verhältnisse,
den Flüchtlingen sei es in Burladingen gut gegangen, es habe hinsichtlich der unterschiedlichen
Konfession keine Probleme gegeben, ausschließlich in bezug auf die private Unterbringung in
den Häusern, in denen eben kein Platz für zusätzliche Personen gewesen sei. Frau B. erinnert
sich, daß ihr Ehemann als damaliger Burladinger Bürgermeister mit der Unterbringung der
Heimatvertriebenen erhebliche Probleme zu bewältigen hatte. »Das war eine schwere Zeit. Die
ersten Flüchtlinge, die gekommen sind, sind ja zu meinem Mann gekommen. Die kamen dann
in den ehemaligen Reichsadler. Das Haus war von zwei ledigen Frauen bewohnt, und die haben
verschiedene Zimmer gehabt. Es war schlecht und kalt und alles, aber wo hätte man sie hintun
sollen, es war ja nichts da. Dorthin kamen die ersten, die zweiten kamen ins Kinderhaus, die
dritten kamen zum Pfarrer. Ein Ehepaar und eine einzelne Frau waren beim Pfarrer Biener, die
hat der Pfarrer aufgenommen. Und dann kamen so viele, und da ist immer geschimpft worden.
Wenn mein Mann irgendwo hinein ist und hat gesagt, ihr solltet Flüchtlinge aufnehmen, da ist
jeder gekommen und hat geschimpft. Wir haben dauernd Streit im Haus gehabt. Niemand wollte
jemand aufnehmen. Es waren viele Flüchtlinge in Burladingen. Da kam einmal eine fünfköpfige
Familie, vier Kinder und eine Frau. Die kamen dann in die alte Fabrik Ambrosius Heim,
und die Besitzerin hat geschimpft. Also, ich sage ja, das war furchtbar. Mein Mann ist oft hier
auf dem Sofa gesessen und hat gesagt: Wenn doch nur irgendwo eine alte Frau oder ein alter
Mann sterben würde, dann hätte ich wieder eine Wohnung für die Flüchtlinge. Das war eine
Katastrophe, die dort hineinzubringen, das war eine Katastrophe. Da hat man dann den Boden
herausgerissen, die Frau hat den Boden herausreißen lassen: Da kann niemand hinein! Die hat
zugeschlossen. Dann mußte man den Schlosser holen, daß der aufmacht. Und da war unten drin
ein Zimmer, das sowieso leer stand. Dann kam der Landrat Speidel und hat zu meinem Mann
gesagt: Sie setzen sich nicht richtig durch, da müssen Sie sich durchsetzen gegen die Frau! Dann
hat mein Mann gesagt: Gut, ich lasse sie holen, und dann können Sie sich mit ihr auseinandersetzen
. Nach zwei Stunden ist der Landrat herausgekommen und hat gesagt: Herr Graf, ich

549 Was für eine Jugend. Zehn Jahre offene Jugendarbeit in Burladingen.

550 Schulchronik Hauptschule Burladingen.

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