Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., ZG 1563
Hohenzollerischer Geschichtsverein [Hrsg.]
Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte
34(120).1998
Seite: 299
(PDF, 85 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1998/0313
»Es war wie überall, eben kleiner« - Französische Besatzung in Burladingen (1945-1948)

Wie war das damals in der Endphase des Krieges und dann in den ersten Wochen und
Monaten der Besatzungszeit? Wie erlebten die Burladinger Bürger/innen den sogenannten Alltag
zwischen Krieg und Frieden? Mit welchen Problemen wurden sie konfrontiert? Was empfanden
sie, wie reagierten sie, als die Franzosen einmarschierten? Wie gestalteten sie ihr Leben
in der neuen Zeit? Welche Sorgen und Nöte hatten sie unter den französischen Besatzern?
Wurden neben der Beseitigung der sichtbaren Zerstörungen des Krieges auch die unsichtbaren
bereinigt? Wurde der 8. Mai 1945 als »Kapitulationstag« empfunden, an dem es - laut einer in
Deutschland noch ein Jahrzehnt später herrschenden Meinung - für einen guten Deutschen
nichts zu feiern gebe ? Oder handelte es sich bereits damals und nicht erst seit Richard von Weizsäckers
Rede vor zehn Jahren realiter um einen Tag der Befreiung? Beabsichtigten die französischen
Besatzer, es nach Niederlage, Besetzung und Ausbeutung den Deutschen heimzuzahlen,
Frankreichs verlorene Ehre wiederherzustellen und die Großmachtstellung zurückzuerobern?

Es wurde der Versuch unternommen, auf diese und andere Fragen im heimatgeschichtlichen
Kontext eine Antwort zu finden, größtenteils ohne die schriftlichen Quellen und die
Aussagen der Interviewpartner/innen zu kritisieren oder gar zu werten. Obwohl oder gerade
weil die Arbeit größtenteils auf sorgfältig ausgewählten mündlichen Überlieferungen basiert,
die aufgrund ihrer lebendig-dokumentarischen Form einen konkret-anschaulichen Eindruck
der Geschehnisse vermitteln, habe ich mich als Forscherin, die die Ereignisse nicht erlebt hat
und manches allein aufgrund der historischen Distanz nicht beurteilen kann, an manchen Stellen
bewußt einer Interpretation, Wertung oder gar Anklage enthalten. Das umfassende Panoramabild
vom Kriegsende und der ersten Nachkriegszeit in Burladingen basiert hauptsächlich
auf Oral History-Zeugnissen, und als Autorin wagte ich es kaum, die Gesprächspartner
/innen im Manuskript zu unterbrechen, ihnen - bildlich gesprochen - das Wort
abzuschneiden. Spiegelt sich darin auch eine spezielle Form des Umgangs mit der Uberlieferung
, äußerster Respekt vor dem Erinnerungsmaterial und eine hohe Neigung zur Authentizität
wider, war diese Vorgehensweise für den Leser zu Beginn möglicherweise mit einiger
Mühe verbunden. Ließ man sich aber darauf ein, konnte man bald die Vorteile dieses Verfahrens
erkennen: beispielsweise in dem traurigen Kapitel über die Vergewaltigungen vieler
Burladinger Frauen durch die Marokkaner in französischen Waffendiensten. Hier kann die
Ausführlichkeit und die Unerbittlichkeit, mit der das Material nicht gekürzt oder gerafft
wurde, horizonterweiternd wirken: Die Zeuginnen-Aussagen werden ohne stilisierte Kunstgriffe
zum Tribunal der Geschichte. Die Lokalgeschichte erweitert sich wirklich zu einer
exemplarischen Bestandsaufnahme: Es war kleiner, aber wie überall, nur hier kann man es wie
mit der Lupe genauer sehen!

Da die Arbeit von der Burladinger Geschichte und den Burladinger Geschichten über sie
handelt, sie gleichzeitig Besichtigung von Vergangenheit und von Vergangenheitskonstruktionen
ist, wäre eine eingehendere Interpretation der sich in den Geschichten manifestierenden
Haltungen, Widersprüche und Projektionen zweifelsohne von Vorteil gewesen, hätte jedoch
Rahmen und Umfang wesentlich erweitert. Symptomatisch für meine Perspektive und Erzählhaltung
sollte das Material für sich selbst sprechen. Als Emanzipation der Lebenswelt der
Burladinger Zeitzeugen/innen liegt die Wahrheit im erinnerten Erlebnis und nicht so sehr in
der interpretatorisch erarbeiteten Struktur. Obwohl es mir nicht um verschiedene individuelle
Erlebnisformen, um Einzel- oder Gruppen-Geschichte ging, sondern vielmehr um den durchschnittlichen
Stand Burladinger Erinnerungen, entstand eine detaillierte Dokumentation
heimatgeschichtlicher Ereignisse und Entwicklungen, in der sich konsequent-zurückhaltend
die Stimme der Vergangenheit hören läßt, um den Mitbürgern/innen freundlich, aber auch mit
Bestimmtheit einen Spiegel vorzuhalten, in dem sie Not, Unglück, aber auch ihre Unzulänglichkeit
erblicken können. Möglicherweise eine gute Chance, diese Geschichte nicht nur aufzubewahren
, sondern auch verarbeitbar zu machen.

Die nur latent auftauchende Hypothese wurde durch die Gesamtkonzeption und die Gliederung
manifestiert: Das Ende der Naziherrschaft und der Einmarsch der Franzosen bedeute-

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