Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., ZG 1563
Hohenzollerischer Geschichtsverein [Hrsg.]
Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte
34(120).1998
Seite: 301
(PDF, 85 MB)
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»Es war wie überall, eben kleiner« - Französische Besatzung in Burladingen (1945-1948)

und? Da mußte man eben rein. Das mit den Juden war natürlich nicht in Ordnung, aber
schließlich zahlten wir ja Wiedergutmachung, und außerdem ging es uns selbst schlecht.

Fünfzig Jahre sind - aus historischer Perspektive betrachtet - ein Nichts und zugleich eine
lange Zeit. Die Katastrophe, selbst die traumatischste, sinkt ab zur Historie. Wem nützt noch
die gelebte Erfahrung, wer kann sie noch gebrauchen? Und hat die Verdrängung nicht auch
ihr Gutes? Sind wir möglicherweise ein Volk mit einem relativ kurzen Gedächtnis - was vor
der eigenen Geburt liegt, kümmert keinen? Scheinbar unbelastet von der Vergangenheit, verstehen
wir nicht, daß uns andere zuweilen befremdet ansehen - war da nicht etwas gewesen,
vor nicht allzu langer Zeit?

Wenn wir mit unserer Geschichte aufgeräumt haben, uns des Erlebten, auch des Unglücks,
gerade des Unglück, vergewissert haben, wird sich zeigen, was der 8. Mai 1945 wirklich war,
welche Bedeutung das Kriegsende hatte. Es war der Tag der Niederlage, der tiefsten Demütigung
dieser Nation - und eben deshalb war es ein Tag der Befreiung. Denn die totale, unmißverständliche
, nicht zu leugnende, von jedermann erlittene Niederlage befreite zumindest
manche von uns von den inneren Dämonen, die uns in die Katastrophe führten: vom deutschen
Größenwahn, von deutscher Hybris, von deutscher Machtgier, von deutschem Militarismus
, von deutscher Unfreiheit. Bis zum letzten Tag war das deutsche Volk in seiner übergroßen
Mehrheit mit blindem Fanatismus einem Wahnsinnigen ins eigene Verderben gefolgt -
das war die große, beschämende Wahrheit des 8. Mai 1945.

Die erinnerte ambivalente Wahrnehmungsperspektive der Zeitzeugen/innen vermittelte
neben dem Gefühl der Befreiung auch dasjenige des hilflosen Ausgeliefertseins, man fühlte
sich befreit und besiegt zugleich, sah sich sowohl generell als Opfer des Krieges und als Opfer
der Sieger im speziellen. Die Jahre 1945 bis 1948 waren für viele Menschen Jahre der Verzweiflung
, der existentiellen Not, der Ohnmacht und Demütigung, wobei durchaus erkannt worden
war, daß die Demütigung selbst verursacht wurde. Die Hinnahme der NS-Herrschaft, die
lange Zeit freudiger Zustimmung und Hingabe an die Ideologie Hitlers, das Entsetzen über
die Verbrechen des Regimes, von denen man nicht nur ahnte, sondern von denen eine Mehrheit
wußte - damit mußten die Deutschen jetzt umgehen, das mußte gerechtfertigt, geleugnet
oder trotzig beschwiegen werden. Auch ohne die drastische Nachhilfe der Alliierten, die
Deutsche in die befreiten Konzentionslager führten, um sie durch den Anblick der Leichenberge
zum Nachdenken zu zwingen, wäre das kollektive Gefühl der Demütigung entstanden.
Viele reagierten mit stummer Verweigerung - den Offizieren der Besatzungstruppen, die beinahe
unbegrenzte Macht über die Menschen hatten, war das rätselhaft. Die Besatzungsoffiziere
trafen zwar zahlreiche frühere Parteimitglieder an, alle hatten jedoch der Partei nur angehört
, weil sie ihre Stellung behalten und ihre Familien ernähren mußten. Scheinbar hat niemand
an Hitlers Politik geglaubt oder sie gar gebilligt, und trotzdem haben alle für sie
gearbeitet. Es berührte die alliierten Truppen zweifelsohne sonderbar, daß Deutsche, von denen
es hieß, sie würden auch noch nach dem Untergang des Hitler-Regimes als Werwölfe fanatisch
weiterkämpfen, jetzt mit der Ideologie des Nationalsozialismus nichts zu tun gehabt
haben wollten; daß jene Deutschen, die den Zweiten Weltkrieg angezettelt und als erbarmungslosen
Rassen- und Weltanschauungskampf geführt hatten, sich nun vor allem elend und
als Opfer fühlten.

Wohnungsnot, Kälte und Hunger, die Sorge um Angehörige, die aus dem Krieg noch nicht
zurückgekehrt oder bereits erneut in Gefangenschaft geraten waren, Bitterkeit und Wut über
die Zerstörung von Privateigentum und Fabriken durch die Besatzungsmächte, Angst vor Gewalttaten
an Mädchen und Frauen, Ströme von Heimatvertriebenen - existentielle Probleme allenthalben
, die mögliche Gedanken bezüglich einer notwendigen Vergangenheitsbewältigung
überdeckten, zumindest in der unmittelbaren Nachkriegszeit gar nicht erst aufkommen ließen.

Gemäß der Chronologie der heimatgeschichtlichen Ereignisse und Entwicklungen in den
Jahren 1945 bis 1948 illustriert die Arbeit zu Beginn die Lebensverhältnisse, die Stimmung der
Bevölkerung wenige Wochen vor Kriegsende. Die Bewohner der Städte und Gemeinden be-

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