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Neues Schrifttum
Elite des 15. Jahrhunderts hob sich vielmehr in ihren theologischen Anschauungen bereits im
späten Mittelalter von der Masse der - im Kirchenregiment und Seelsorge tätigen - Geistlichen
ab, ohne jedoch ihre Anschauungen (von temporären Erfolgen abgesehen) bei Geistlichen
und Laien durchsetzen zu können. Erst die Reformation sorgte hier für den nötigen
Handlungsdruck, sie erzwang die Re-Aktion durch die katholischen Geistlichen. Die veränderte
Sichtweise von Frömmigkeit innerhalb des Katholizismus war mithin eine Folge auf die
»von außen« an die katholischen Glaubenslehren und -praktiken herangetragenen Herausforderungen
; wieso die »veränderten Maßstäbe in der katholischen Elite« hier »wirkungsmächtiger
« gewesen sein sollten (104), ist mir nicht einsichtig. Fraglich scheint mir auch die These
von der entscheidenden Bedeutung eingespielter sozialer Praxis für das Uberleben der spätmittelalterlichen
Wallfahrtsorte. Wenn der Religion für die soziale Integration von Gemeinschaftsformen
eine derart entscheidende Bedeutung zukäme, wie der Autor behauptet (67ff.),
dann hätte auch der Kult in Alt-Lünen zumindest als lokales Ereignis überleben müssen. Der
sozialintegrativen Funktion von Religion scheint mithin bei der Erklärung von Kultkontinuitäten
eine wichtige, jedoch keine ausschlaggebende Rolle zuzukommen.
Gewichtiger aber als solche Kritik im Detail sind m. E. die Leitvorstellungen, die der Arbeit
zugrundeliegen. Mit Sicherheit irrig ist es, den Bruch zwischen der Religion des Volkes
und der Religion der Eliten mit der Aufklärung zu verbinden, in der die geistliche Elite neue
religiöse Standards in einem Akkulturationsprozeß von »oben« nach »unten« repressiv
durchgesetzt und die Austauschbeziehungen zwischen Geistlichen und Laien beendet habe.
Zum einen hat die wissensoziologisch angelegte Studie Schlögls über den Transformationsprozeß
des städtischen Katholizismus im 18. und frühen 19. Jahrhundert gezeigt, in welch hohem
Maße das religiöse System Anpassungsleistungen an eine modifizierte, gesellschaftliche Umwelt
zu erbringen hatte. Von einem Ende der Austauschbeziehungen zwischen religiöser Elite
und »Volk« kann mithin keine Rede sein, und das Verhältnis zwischen den Geistlichen und
den Laien läßt sich nicht als Akkulturationsprozeß beschreiben (wenngleich dies für den Teilbereich
Wallfahrt durchaus zutreffen dürfte). Zum andern ist das Maß der Gemeinsamkeiten
zwischen der Religion der Eliten, der Geistlichen, und des Volkes, der Laien, m. E. für das
Späte Mittelalter und die Frühe Neuzeit überzeichnet. Zwar dürften die Glaubensüberzeugungen
und -praktiken im Bereich des eigentlichen Untersuchungsgegenstandes, der Marienwallfahrten
im Fürstbistum Münster, tatsächlich in hohem Maße konvergieren, wenngleich
auch hier gelegentlich Zweifel angebracht scheinen (hierauf deutet etwa auch die Kritik der
katholischen Aufklärung an der Frömmigkeitspraxis der Laien). Von dem speziellen Untersuchungsgegenstand
auf »die« Frömmigkeit der Eliten beziehungsweise des Volkes zu
schließen, dürfte aber kaum angehen, ohne das Bild gravierend zu verzeichnen. So sind denn
in der Perzeption des Heiligen bereits im späten Mittelalter neben nicht zu leugnenden Gemeinsamkeiten
auch tiefgreifende Unterschiede in der Religion der Eliten und des Volkes zu
verzeichnen. Insbesondere die Magie war - nach allem was wir wissen - ein integraler Bestandteil
von Volksreligiosität, Teil einer weitgefächerten Überlebensstrategie und eine zentrale
Kategorie der Weltdeutung. Sie zu leugnen, die Volksreligiosität gleichsam zu purifizieren,
ist m. E. schlicht falsch.
Eliten- und Volksreligiosität waren mithin nicht völlig identisch, aber auch nicht völlig anders
. Diese Gemengelage in der berechtigten Abgrenzung von jüngeren Forschungen (Delu-
meau, Ginzburg, Muchembled u. a.), die sich zur pointierten Kennzeichnung des Unterschiedes
zwischen der Religion des Volkes und der Eliten der Rede vom »heidnischen« Mittelalter
bedient hatten, durch das »Gegenbild« abzulösen, das von einer Unterschiede nivellierenden
kirchlich-christlich geprägten Volksfrömmigkeit (26) ausgeht, scheint mir nicht fruchtbar zu
sein. Nachzuvollziehen gälte es vielmehr die spannungsreiche, durch Machtverhältnisse mit
beeinflußte gesellschaftliche Verständigung über den religiösen Kosmos, wobei elitäre und
populäre Wertvorstellungen und religiöse Praktiken konvergieren oder konfligieren konnten.
(Ob die Begriffe »Elite« und »Volk« hierbei funktional mit den kirchlichen Amtsträgern bzw.
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