http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1998/0372
Neues Schrifttum
das Etablieren der allgemeinen Erzieherinnen(aus)bildung in Württemberg begünstigt, wo
sich 1860 in (Schwäbisch-)Gmünd erstmals ein Privatseminar ihrer annahm. Die Sießener
Franziskanerinnen gingen in den folgenden Jahren dazu über, beim Mutterhaus und an anderen
Orten vergleichbare Lehrerinnenseminare einzurichten. Damit entsprach man nicht zuletzt
dem Umstand, daß sich zum Beispiel im Jahre 1889 die Kandidatinnen für die Kongregation
fast durchweg aus dem südwürttembergischen und überwiegend katholischen Landesteil
rekrutierten. Im Hinblick auf die Diasporasituation der Katholiken im protestantisch dominierten
Württemberg kam den Schulschwestern naturgemäß durch das vermittelte und religiös
fundierte Wissensgut wie auch durch ihre eigene Vorbildfunktion eine große Bedeutung
im Hinblick auf die Stabilisierung katholischer Inhalte zu.
Lag der Schwerpunkt des Wirkens der Schulschwestern zunächst vor allem in der Integration
katholischer Mädchen aus sozial benachteiligten Familien, so verschob sich der Akzent
zunehmend im Hinblick auf die Interessen des sich etablierenden württembergischen Bürgertums
an einer über das Elementarniveau hinausgehenden gehobenen Bildung seiner Töchter.
Grundmotiv blieb es, katholischen Mädchen auf religiöser Grundlage eine zeitgemäße
Erziehung zukommen zu lassen, was bedeutete, daß das pädagogische Handeln der Kongregation
von dem zeittypischen traditionellen Frauenbild (»Hausfrau und Mutter«) bestimmt
wurde. Auf diesen Grundlagen gestaltete sich das Wirken der Schulschwestern, die gerade im
Hinblick auf die sich wandelnden rechtlichen Rahmenbedingungen eine erstaunliche Flexibilität
und Dynamik an den Tag legten, mit einem überwiegend positiven Echo und Anerkennung
ihrer fachlichen Kompetenz. Die Verhältnisse vor Ort erwiesen sich dabei für die
Schwestern nicht immer als günstig: Probleme mit der Geistlichkeit, Vorurteile in der Bevölkerung
sowie starke Kontrolle und Reglementierung von Ordensgemeinschaften durch den
württembergischen Staat bauten eine Reihe von Hindernissen auf.
Darüber hinaus blieb dieses Wirken im unmittelbaren Vergleich mit öffentlichen Schulen
immer benachteiligt, da die Ordensschulen als private Schulen eben nicht die volle staatliche
Anerkennung genossen und entsprechend ihren Platz im öffentlichen Bildungssystem hatten.
Dies bedeutete zugleich, daß zum Beispiel die Töchterschulen der Kongregation nicht die Berechtigung
zum Besuch weiterführender Einrichtungen erteilen konnten und sich ggf. die
Notwendigkeit einer eigenen Aufnahmeprüfung für eine »klassische« höhere Mädchenschule
ergab. Nach Irion führten diese Töchterschulen auf einem solchen Hintergrund als »Privatschulen
ein Eigenleben nach katholischer Art« (S. 185). Entsprechend mußten sie sich allerdings
auch nicht so streng an den gesetzlichen Lehrplan halten wie die öffentlichen höheren
Mädchenschulen und konnten sich stärker auf lokale Bedürfnisse ausrichten. Die Zahlen belegen
den Erfolg der Ordensschulen: 1912/13 wurden fast 90 % der katholischen Schülerinnen
in Württemberg im Bereich der gehobenen katholischen Mädchenbildung in Einrichtungen
der Sießener Kongregation unterrichtet. Insbesondere auch im Bereich des Handarbeitsunterrichts
waren die Schwestern sehr erfolgreich. Nicht nur verfaßten sie ein eigenes Lehrbuch für
den Handarbeitsunterricht, sondern 1893 wurde der gesamte Lehrgang der weiblichen Industrieschule
des Klosters Sießen wegen der ausgezeichneten Handarbeitsleistungen zur Weltausstellung
nach Chicago geschickt (S. 177).
Einen ungewöhnlichen, man möchte fast sagen: eigenwilligen Part hat der zweite Band von
Irions Publikation (»Beiband«) übernommen. In Anlehnung an die sachliche Gliederung des
ersten Bandes finden sich hier zusätzliche Anmerkungen, die als Ergänzung der dortigen Fußnoten
anzusehen sind. Diese werden hier mit weiteren Informationen, Belegen und Kommentierungen
versehen, sowie zum Teil durch Wiedergabe von Dokumenten, Skizzen, Tabellen
und bildlichen Darstellungen ergänzt. Die Autorin zeigt damit einen großen Fleiß im Hinblick
auf die geleistete Ermittlung und Auswertung von Quellenzeugnissen, kompliziert aber
damit gleichzeitig eine Lektüre des Werkes, das offensichtlich bei Zusammenfassung in einem
Band zu »fußnotenlastig« geworden wäre. Diesem Manko aber hätte man nach Ansicht des
Rezensenten durch Einbindung der wesentlichen Aussagen des Anmerkungsapparates in den
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