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Anton Fink: Die schwarzen und die heiteren Lose meines Erdenlebens
4. Abschnitt: [Erste Anstellung in Trillfingen]
[7] Auf 1. Oktober 1873 bezog ich auf Anweisung der Königlichen Regierung zu
Sigmaringen meine erste Dienststelle in Trillfingen. Im Postwagen fuhr ich das Killertal
hinab bis zum Seehof34 bei Haigerloch. Dort stieg ich aus. Meine nötigsten
Kleider und Schuhe trug ich bei mir in einer langen Sacktasche. Ein Trillfinger Tag-
löhner, der auf dem Seehof zu arbeiten pflegte, zeigte mir den Weg nach Trillfingen
und lief neben mir her. Der freundliche Mann frug mich, ob ich der neue Provisor
von Trillfingen sei. Ich bejahte es. Sogleich nahm er mir meine ominöse Tasche ab und
trug sie mir bis ins Dorf hinein. Zum Uebernachten empfahl er mir das Wirtshaus
zum Hirschen.
Die Frau Hirschwirtin Horn empfing mich mit einer Freundlichkeit, als ob sie
meine Mutter wäre. Gleichzeitig meldete ich mich bei ihr an als künftiger Kostgänger
. Das hatte ich nie zu bereuen. Die gute Seele verpflegte mich billig und reichlich.
Ihr Sohn Reinhold war gleichalterig mit mir. Seine Mutter empfahl ihn mir als Kameraden
. Reinhold entpuppte sich gar bald als verwöhntes Muttersöhnchen, war sehr
vorlaut, aber sonst gutmütig. Er wußte schon frühzeitig, daß er als einziges Kind einst
Erbe vom Hirschwirtshause war.
[8] Andern Morgens machte ich meine Aufwartung beim Herrn Pfarrer Blumen-
stetter. Er war Schulvorstand von Trillfingen. Dieser Herr empfing mich ebenfalls
sehr freundlich. Er ging mit mir zur Schule und stellte mich den Kindern als ihren
Provisor vor. Blumenstetter hielt eine kurze Ansprache an die Kinder und ermahnte
sie, brav, fleißig und gehorsam zu sein.
Der Pfarrherr zu Trillfingen wurde mit den Jahren mir der bedeutenste Mensch,
der mir im Leben begegnete. Er behandelte mich mit ausgesuchtester Freundlichkeit.
Wäre ich sein leiblicher Sohn gewesen, aufmerksamer hätte er überhaupt nicht sein
können. Ich erkläre es mir so: Pfarrer Blumenstetter war der Busenfreund meines
Onkels, des Pfarrers Joseph Sprißler. Sprißler mag Blumenstetter erzählt haben:
„Dein junger Provisor Fink ist ein Verwandter von mir." Durch diese Verwandtschaft
hatte ich somit von Anfang an einen Stein im Brett bei Blumenstetter. Daher also kam
die Liebenswürdigkeit Blumenstetters gegen seinen neuen Provisor. Meine Großmutter
mütterlicherseits war eine Sprißler. Tatsache ist, daß meine Veranlagung weit mehr
von der Mutter- als von der Vaterseite herstammt.
[9] Mein Verhältnis zur Frau Hirschwirtin war nicht von Dauer. Sie konnte nicht
begreifen, warum der Herr Pfarrer mit seinem Provisor nie in ihrer Wirtschaft einkehrte
. Der Grund war der: Der Herr Pfarrer ging nur in solche Wirtschaften, die ein
Nebenzimmer hatten. Im Hirschen war kein Nebenzimmer.
Die Frau Hirschwirtin machte eines Tages ihrem Kostgänger den Vorhalt: „Herr
Provisor, Sie kommen mit dem Herrn Pfarrer nie in meine Wirtschaft, obwohl ich an
Ihnen rein gar nichts verdiene." Diese Anrempelung erzählte ich meinem guten
Pfarrherrn. Dieser fing also an:
34 Ehemalige fürstliche Domäne.
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