http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg2011-12/0313
WILLI RÖSSLER
Schicksals jähre der Heimatvertriebenen -
Eine Dokumentation über Flucht, Vertreibung und
Eingliederung der Heimatvertriebenen, die im Altkreis
Sigmaringen eine neue Heimat gefunden haben
EINLEITUNG
Der vom nationalsozialistischen Deutschland begonnene Zweite Weltkrieg löste große
Bevölkerungsbewegungen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in Mitteleuropa aus: nationalsozialistische
Umsiedlungen, Evakuierungen, Flucht vor feindlichen Truppen
und Vertreibungen. Die durch den Krieg bedingten Schicksalswege der Heimatvertriebenen
sind in der Literatur in den letzten Jahren vielfach aufgearbeitet worden. Der
Landkreis Sigmaringen hat bis 1955 in der Nachkriegszeit 6788 Heimatvertriebene aufgenommen
. Flucht, Vertreibung und Eingliederung dieser Bevölkerungsgruppe wurde
seither in keiner Dokumentation festgehalten. Deshalb sollen hier Wege der Heimatvertriebenen
aufgezeichnet werden, die an den früheren Heimatorten begannen und unter
schwierigsten Bedingungen oft Jahre lang von Ort zu Ort ziellos in eine ungewisse
Zukunft führten. Der Landkreis Sigmaringen, in dem sie ihre neue Heimat gefunden haben
, war das letzte Glied und Sigmaringen war für viele vollkommen unbekannt.
Diese Schicksalswege aufzuzeichnen war mir ein Anliegen, ja fast Verpflichtung,
weil in den kommenden Jahren die Heimatvertriebenen, die diese Schicksale erlebt haben
, nicht mehr am Leben sein werden. Ich habe deshalb keine Wege gescheut, um Besuche
bei Zeitzeugen abzustatten und mir die Fluchtwege einzelner Familien erzählen
zu lassen.
1. BEVÖLKERUNGSBEWEGUNG IN DER
KRIEGS- UND NACHKRIEGSZEIT
In der Kriegs- und Nachkriegszeit wurden viele Menschen aus ihrer angestammten Heimat
gerissen. Während vor dem Krieg der Radius der Menschen meist nicht über das
Heimatdorf, den Landkreis hinausging, erfolgte im Krieg und in der Nachkriegszeit eine
Wanderbewegung Einzelner und ganzer Volksgruppen. Das Dorf, die Stadt beherbergte
vor dem Zweiten Weltkrieg noch eine heimische, homogene Bevölkerung, nur wenige
Personen wanderten - meist aus beruflichen Gründen - aus oder zu. Die Bevölkerungszahlen
bewiesen Kontinuität mit leichtem Wachstum durch Geburtenüberschuss.
Dies erkennen wir aus den Bevölkerungszahlen des Altkreises Sigmaringen zwischen
1925 und 1939 (siehe S. 306).
305
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg2011-12/0313