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Schicksalsjahre der Heimatvertriebenen
Front der sowjetischen Armee immer näher herankam. Mit drei weiteren Familien
flüchtete sie in einem Planwagen nach Heiligenbeil, dort mussten sie alles stehen lassen.
Bei der Anlegestelle Godak erhielten sie am 12. Februar 1945 eine Schiffskarte nach Pil-
lau. Dort waren sie im Lager bis 23. März. Immer wieder griffen Tiefflieger an. An diesem
Tag gingen sie zum Hafen zur Einschiffung. Sie stolperten auf dem Weg zum Hafen
über tote Menschen und Pferde. Mit kleinen Booten wurden sie zum Transportschiff
„Deutschland" gebracht. Dieses Schiff fasste 20 000 Personen, Flüchtlinge und Verwundete
. Sie fuhren drei Tage und drei Nächte bis sie in Kopenhagen ankamen.
Die in dem Kessel Eingeschlossenen konnten nur über das zugefrorene Frische Haff und
die schmale Frische Nehrung die Häfen in Pillau, Schiewenhorst, Danzig und Gotenhafen
erreichen. Das Frische Haff war etwa 6 bis 8 km breit. Flüchtlinge überquerten
bei Lebensgefahr zu Fuß, mit Handwagen und mit Pferdefuhrwerken das Haff. Das Eis
war oftmals brüchig, besonders dort, wo sowjetische Tiefflieger durch Bomben das Eis
aufgerissen hatten.
Herr Thurau berichtet:
Am 20. Februar ging es mit dem Treck auf die Eisfläche des Haffs, es waren Holz bohlen
zur Auffahrt verlegt und jedes Mal, wenn ein Wagen auffuhr, senkte sich das Eis,
so dass der Wagen bis zu den Achsen im Wasser stand. Am anderen Morgen gegen
10.00 Uhr kamen russische Jagdflugzeuge und griffen den Treck mit Bordwaffen an.
Schlimme Szenen spielten sich auf dem Eise ab. Die Pferde scheuten, die Wagen
brannten aus, die Menschen schrien um Hilfe. Die abgeworfenen Bomben rissen das
Eis auf und einige Wagen verschwanden. Wir hatten Glück und kamen in der Nähe
von Kahlberg an Land. Mit dem Treck ging es weiter über die Nehrung in Richtung
Danzig.
Nördliches Ostpreußen
Nicht alle Deutschen aus dem Raum um Königsberg konnten fliehen, sie mussten bleiben
und wurden zunächst zur Zwangsarbeit herangezogen. Viele wurden in die östlich
liegenden menschenleeren Kreise verfrachtet. Frauen wurden weiterhin vergewaltigt,
Männer nach Sibirien verschleppt. Viele Menschen starben an Hunger und den elenden
hygienischen Verhältnissen. Erst 1947 begann die Ausweisung Deutscher aus dem
sowjetisch besetzten Teil Ostpreußens.
Danzig, Westpreußen und Ostpommern
Die Evakuierung von Danzig, Westpreußen und Ostpommern vollzog sich erst ab
März 1945. Nach einer Kampfpause im Februar 1945 begann Anfang März 1945 die
sowjetische Offensive und erreichte am 18. März Kolberg (Pommern). Damit wurde
der Raum Danzig, Westpreußen, Ostpommern vom Reichsgebiet abgeschnitten, es bestand
keine Landverbindung mehr. Viele Familien versuchten sich nach Danzig durchzuschlagen
, um von dort über die Ostsee zu entkommen.
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