Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., ZG 1563
Hohenzollerischer Geschichtsverein [Hrsg.]
Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte
47/48(132/133).2011/12
Seite: 323
(PDF, 71 MB)
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Schicksalsjahre der Heimatvertriebenen

wirtschaftung von Betrieben. Sie jagten die Deutschen mit Hilfe der Miliz aus ihren
Wohnungen. Es gab Beispiele, bei denen innerhalb einer Viertelstunde die Wohnung
geräumt werden musste. Wer sich den Anordnungen widersetzte, wurde ge- oder erschlagen
. Als Folge dieser Maßnahmen gab es viele Selbstmorde: in Brüx spricht man
von 600 bis 700 bei einer Einwohnerzahl von 20000.

Wilde Vertreibungen

In der Zeit der „wilden" Vertreibungen im Jahr 1945 trugen die Deutschen in den
Sprachinseln besonders schwer. Bekannt geworden sind die Vorgänge in Brünn. Am
30. Mai 1945 mussten sich die Männer, Frauen und Kinder auf dem Marktplatz einfinden
, es waren 25000. Sie wurden wie eine Viehherde in einer kilometerlangen Kolonne
, bewacht von halbwüchsigen Jungen, in Richtung österreichische Grenze getrieben.
1500 Personen blieben auf der Strecke; wer nicht weiterkam, blieb liegen. Als sie nach
zwei Tagen die Grenze erreichten, war sie geschlossen. In einem Lager mussten die
Menschen wochenlang ausharren. Wer die Möglichkeit hatte, in grenznahen Gebieten
schwarz (illegal) über die Grenze zu kommen, der nutzte diese Gelegenheit. Frau P. aus
Sigmaringendorf war als Kind dabei.

Die Familie Panhans wurde bereits am 8. Mai 1945 von tschechischer Miliz von Haus
und Fabrik auf die Straße gesetzt. Sie begab sich für einige Wochen zu einem Onkel in
der Nähe, musste aber im eigenen Betrieb arbeiten. Nach einem Aufruf, dass sich alle
Männer melden sollten, meldete sich Herr Panhans. Er kam vor Gericht, wurde zu fünf
Jahren Gefängnis verurteilt. Erst nach y/i Jahren kam er frei. Am 6. Juli 1945 wurde der
erste Transport zusammengestellt, Familie Panhans war dabei. Zu Fuß, mit Leiterwagen
ging es am selben Tag in Richtung sächsischer Grenze, ständig eine berittene Bewachung
von Tschechen neben sich. Sie landeten in Jöhstadt (Sachsen), dort blieben sie
sechs Wochen ohne Lebensmittelkarten. Am 21. August 1945 zogen sie in die Gemeinde
Näherstille bei Schmalkalden. Dort waren sie y/i Jahre lang. Nach der Entlassung
von Herrn Panhans aus dem Gefängnis übersiedelten sie nach Uberlingen und kamen
1954 nach Sigmaringen, wo sie einen Betrieb gründeten.

Elfriede Rößler, geborene Erlbeck, damals 13 Jahre alt, erzählt:

Am 23. August 1945 um 18.00 Uhr kamen zwei Tschechen in unsere Wohnung und
brachten einen Ausweisungsbefehl. Jeder hatte sich mit 40 kg Gepäck am 24. August
1945 um 6.00 Uhr am Rathaus zu melden. Hausschlüssel, Wertsachen, Sparbücher sollten
auf dem Tisch der Wohnung zurückgelegt werden. Unser Gepäck wurde dann gewogen
und auf Lastwagen verfrachtet. Wir stiegen in den bereitgestellten Bus, beim
Einsteigen wurde mein Vater aus der Gruppe weggeholt. Er wurde als Parteimitglied
verhaftet, ihm wurde ein Prozess gemacht, er wurde zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt
. Wir wurden zur nahe liegenden Grenze gefahren und am Schlagbaum ausgeladen
. Zu Fuß erreichten wir das nächste Dorf, in dem wir in einer Schule zusammen
mit 50 Personen untergebracht wurden, später fanden wir bei einer Familie
Unterschlupf.

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