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Neues Schrifttum
nicht vorkommen: Gesundheit der Bevölkerung und Gesundheitswesen (S. 254-260),
soziale Fürsorge, Arbeitswelt und Freizeitgestaltung (S. 339-346), Ernährungsgewohnheiten
(S. 329-331). Im kirchengeschichtlichen Teil wird bezeichnenderweise
eben nicht nur, wie überall, der oberschwäbische Katholizismus dargestellt, sondern
auch der ebenfalls dort beheimatete Protestantismus und sein geistlicher Zuschnitt in
Gestalt des oberschwäbischen Pietismus (S. 283-292) sowie das Verhältnis der Konfessionen
zueinander - um nur einige Beispiele zu nennen. Mit einem Wort: Die Geschichtsschreibung
zu Oberschwaben hat mit diesem Band in vielerlei Hinsicht eine
völlig neue Qualität gewonnen.
Am Beispiel des Abschnitts über die Schulgeschichte (S. 297-310) sei die Arbeitsweise
des Autors verdeutlicht: Er beginnt mit einer knappen, aber aufschlussreichen Darstellung
der Bildungslandschaft vor Beginn der württembergischen Herrschaft. Danach werden
sämtliche Schularten, von der Volksschule über die höhere Schule und „Industrieschule
" bis hin zu den privaten Adelsinternaten, beschrieben. Dabei werden Unterrichtsfächer
, Unterrichtszeiten, Räumlichkeiten, Klassenstärken, Lehrerbesoldung,
Schulgeld, Finanzierung der Schulgebäude und des sonstigen Aufwands usw. detailliert
ausgebreitet. Nicht vergessen wird, auf die unterschiedlichen Bildungschancen der Geschlechter
mit Beispielen hinzuweisen, ebenso wie auf die allmählich sich verbessernden
Chancen der Mädchen und Frauen. Schließlich fehlt es nicht an einer generalisierenden,
präzise begründeten Aussage zur Schulpolitik des württembergischen Staates.
Das gleiche Darstellungsmuster gilt für den Bereich von Handel und Gewerbe.
Auch hier wird kein Sachgebiet ausgelassen: Landwirtschaft, Handwerk und Industrie
werden gründlich und detailreich in den regionalen Besonderheiten beschrieben und
ebenfalls ihre Entwicklung im Laufe des 19. Jahrhunderts. Aussterbende Strukturen
wie das Zunftwesen (S. 147ff.) werden ebenso ausführlich behandelt wie zurückgehende
Handwerksberufe, ebenso aufkommende neue Einrichtungen wie das Berufsschulwesen
sowie die neuen Industrien und ihre Standorte, neue Handelswege und Absatzmärkte
. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Kein Sachthema einer umfassenden
Gesamtschau zur Geschichte Oberschwabens im 19. Jahrhundert wird ausgespart, und
jedes wird mit gleicher Sorgfalt, Gründlichkeit und Sachkunde behandelt.
Besonders verdient hervorgehoben zu werden, dass Eitel nicht den mühseligen Weg
einer konsequenten „Geschichte von unten" scheut, nicht nur in den sozialgeschichtlichen
Abschnitten (wie man es ja häufiger antrifft), sondern grundsätzlich in allen Sachgebieten
, zum Beispiel auch bei der Darstellung des Verwaltungsalltags (S. 79-84).
Glanzstücke dieser Form der Geschichtsschreibung sind die Einbeziehung der meist
sehr vernachlässigten sozialgeschichtlichen Aspekte der Mediatisierung und der Säkularisation
sowie eine unvergleichlich klare Schilderung der württembergischen Bauernbefreiung
(S. 108-117).
Hans-Georg Wehling rühmt in zahlreichen Beiträgen unbekümmert den „Wohlstand"
der oberschwäbischen Bauern (im Gegensatz zu den altwürttembergischen Hungerleidern
der Realteilungsgebiete) und evoziert damit beim Leser das Bild einer geradezu egalitär
verteilten Wohlhabenheit und einer sozialen Idylle auf dem Land. Peter Eitel dagegen
zeichnet, gestützt auf Statistiken und Visitationsberichte, ein sehr differenziertes
Bild der ländlichen Bevölkerung Oberschwabens. Schon der Wohlstand hat bei ihm
deutliche Abstufungen: Neben dem wirklich wohlhabenden „Rossbauern" gibt es den
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