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522 Zeitschrift für Parapsychologie. 9. Heft. (September 1929.)
Die Truhe der Sektiererin Johanna Southcott1)
Von Dr. Gerda Walther.
1760—1814 lebte in England eine gewisse Johanna Southcott. Sie stammte
aus ärmlichen Verhältnissen und verdiente ihren Unterhalt als Dienstmädchen,
konnte aber immerhin lesen und schreiben. Im /Viter von l\2 Jahren erlebte sie
allerhand Offenbarungen und Visionen teilweise prophetischen Inhalts und
schloß daraus, daß sie berufen sei, die Menschheit zu erlösen. Sie hielt sich
für eine Braut des Himmels und verkündete in ihrem 65. Lebensjahr, sie sei
auserwählt, durch abermalige unbefleckte Empfängnis den neuen Heiland zu
gebären. (Diese Wahnidee wurde offenbar verstärkt durch eine starke Wassersucht
, die von ihr für Schwangerschaft gehalten wurde.) Natürlich geschah
nichts dergleichen und Johanna starb kurz nachdem ihre Hoffnungen so
bitter enttäuscht worden waren. Trotzdem gibt es noch heute in England zwei
rivalisierende Sekten, die an ihre Prophezeiungen glauben, ihra Schriften als
Offenbarungen betrachten und in ihrem Namen Wunderkarten verkaufen,
die in Wasser getaucht jeden Kranken, der dieses Wasser trinkt, mit „göttlicher
Hilfe" auch von den schwersten Krankheiten heilen.
Johanna Southcott hatte eine „große Truhe" hinterlassen -- sorgfältig
verschlossen und versiegelt —, die nur in größter nationaler Not in Gegenwart
von 2/1 Bischöfen geöffnet werden durfte. Dieselbe befindet sich noch im Besitz
der Southcottsekte in Biockley und war r8/jo einmal versehentlich geöffnet
worden, weil man Geld darin vermutete, wurde aber wieder verschlossen und
versiegelt, weil sich nur Manuskripte darin fanden.
Außer dieser „großen Truhe" gibt es nun aber auch noch eine „kleine
Truhe" (oder mehrere?), und diese geriet durch eine merkwürdige Verkettung
von Umständen in den Besitz von Harry Price, des Leiters des
„National Laboratory of Psychical Research" in London. l)
Am 28. April 1927 wurde Harry Price von seiner Sekretärin mit der
unglaubwürdigen Mitteilung begrüßt: „Johanna Southcotts Truhe 2st angekommen
!" Tatsächlich war eine mit Metallbändern gefaßte, mehrfach versiegelte
Nußholztruhe mit einem Brief von unbekannter Seite eingetroffen.
Der Schreiber teilte mit, er habe sie von den kinderlosen Nachkommen eines
Dienstmädchens der Johanna Southcott geerbt, die jahrelang bis zu ihrem
Tode in seinem Dienst standen. Die Truhe war der Mutter der beiden Angestellten
(ein Geschwisterpaar, von dem die Tochter 78jährig im Jahre
1914, der Sohn 81 jährig im Jahre 1920 starb) als jungem Dienstmädchen Mm
Johanna Southcott auf deren Totenbett übergeben worden. Das Mädchen mußte
dabei die heiligsten Eide schwören, die Truhe nur in nationaler Gefahr
in Anwesenheit von i\ Bischöfen öffnen zu lassen. Bei ihrem Tode ging sie
auf ihre Kinder über, und der letzte, kinderlose Überlebende, ein Herr John
Morgan, übergab sie unter den gleichen Bedingungen bei seinem Tode seinem
Dienstherrn. Da dieser sich nach Südamerika begab und dort nichts mit ihr
anfangen konnte, schickte er die Truhe Harry Price, \on dessen Forschungen er
mit Interesse gelesen hatte. Er war der Ansicht, daß man die Truhe öffnen
!) Vgl. Harry Price „Johanna Southcott's Box" in „The Journal of the
American Society for Psychical Research", Juli, August, September, Oktober.,
Dezember 1927.
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