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Hoffmann: Hat d. Paraps. f. d. Erforsch, d. Urchristentums e. Bedeut. 255
Selbsterniedrigung erlebt er eine ungeahnte Erhöhung: er hört eine Gottes-
stimme in der Ferne des Psalmwortes von dem heute erzeugten Gottessohne.
Die gewaltsam zurückgedrängten Gedanken brechen also mit Ungestüm hervor
und verobjektivieren sich, von den bekannten Schauungen begleitet. Doch einmal
ist zu berücksichtigen, daß die These von den zurückgedrängten Gedanken
im letzten Grunde doch nur Konstruktion ist. Vor allem aber: Jesus hat von nun
an nicht bloß eine neue Gewißheit, sondern auch eine neue Kraft. Er fühlt sich,
um mit i. Sarauelis io,6 zu reden, in einen neuen Menschen verwandelt, ier fühlt
sich von nun an als neugeborenen Gottessohn, worauf die älteste
Textform der Himmelsstimme von Lukas 3,22 in der Handschrift D hinweist.
„Mein Sohn bist du, heute habe ich dich erzeugt", vgl. Psalm 2,7. Er weiß
sich von neuem als Träger des göttlichen Geistes, der ihm vor allem seine sieghafte
Ueberlegenheit über die kranken Leiber und Seelen der Menschen gibt,
in Verbindung mit Fasten und Gebet ihn zu seinen Dämonenheilungen und
anderen Wundertaten befähigt. Alles das wird sich im letzten Grunde nur erklären
, wenn Jesus, ob auch gleich in subjektiven Formen, wirklich den Einbruch
neuer seelischer Komplexe und psychophysischer Kräfte hier erfährt,
und nicht bloß etwa eine Umgruppierung bereits vorhandener Gedanken und
Fähigkeiten. Er erlebt hier eine Berührung mit der übersinnlichen Welt, wie
es Rittelmeyer einmal ausgedrückt hat, und zwar in der Weise, daß ihm
aus ihr neue Kräfte zuströmen. Sie machen ihn seiner messianischen Befugnis
gewiß, so daß er nunmehr selbst dem Satan, dem General gewaltigen der Welt
nach damaligem Volksglauben, sich überlegen und ihm seine Provinzen in den
Seelen und Leibern der Menschen streitig zu machon weiß.
Es ist das Verdienst von Emil Mattiesen in seinem gelehrten, noch lange
nicht nach Verdienst gewürdigten Werk über den .jenseitigen Menschen", für
eine derartige Auffassung des Tauferlebnisses Jesu durch scharfsinnige Analyse
zahlreicher mystischer Erfahrungen aus allen Zeiten eine breite Grundlage
geschaffen zu haben. Ob und wieweit dieses Ereignis auch paraphysische
Dinge der Sinnen weit (Taubenerscheinung, Lichterscheinung am Jordan?)
mit umfaßte, wird sich heute nicht mehr ausmachen lassen. Ganz von der
Hand weisen möchte ich aber auch diese Möglichkeiten nicht.
In stärkerem Maße spielt jedenfalls die Sinnenwelt bei den mystischen
Erfahrungen der Elfe bald nach Jesu Tod herein. Wenn sie an sein Hervorgehen
aus dem Grabe glaubten, so ist es ausgeschlossen, daß sie bloß Visionen
erlebten. Denn das hätte ihnen nur die Gewißheit verschafft, daß er in einer
jenseitigen Welt lebe und sich von dort aus in dieser gegenwärtigen kundtun
könne, aber nicht, daß er leiblich aus dem Grabe auferstanden sei. Nach den
Berichten unserer drei Synoptiker haben die Jünger allerdings zunächst
von der Auferstehung gehört und dann erst ihn wiedergesehen. Aber da diese
Kunde auf Engelmund zurückgeht, trägt sie deutlich legendarischen Charakter
an sich, so daß jene für die Beurteilung dessen, was sie unmittelbar erfuhren,
wohl doch nur auf ihr persönliches Erlebnis angewiesen waren. Und das muß
so lebensvoll gewesen sein, in der körperlichen, betastbaren, sich bewegenden,
sprechenden, vielleicht gar essenden Erscheinung, daß sie nach dem damaligen
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