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Buchbesprechungen. 601
Eines Tages geriet man dann aai Klages. Unter hier gleichgültigen Umständen
. Zufallig pflegt der Mensch zu sagen. Und der Sprengstoff, dessen
Vorhandensein einem nicht eigentlich bekannt war, explodierte, augenblicklich.
Das mühsam Erlernte, das begrifflich Erfaßte, unter Atemnot Erworbene es
ist schwer dies sonderbare Kompositum und seine Konsistenz begrifflich recht
einzufangen, ohne daß es seine Aufgeblasenheit (im wörtlichsten Sinn), sein
Gummipuppendasein, seine Irrlichterei, sein gespenstiges Umgehen verliert —
dieser ganze Kram verpuffte, verknallte, verstäubte; ebenso augenblicklich.
Warum? Ein simpler Gegensatz, dem Namen nach längst bekannt, seit
Nietzsche, seit Goethe, seit der Romantik, seit länger, er wird zur Erkenntnis.
Man erkennt den Sinn, die Bedeutung der Antipoden: Logos und Bios, Seele
(Leben) und Geist, und man weiß mit einemmal (und hat eigentlich nicht mal das
Verlangen nach einem Beweis), daß die Verkennung dieses Gegensatzes und
insonderheit die logische Aus- und Umdeutung des Lebens der Grund der
Atemnot waren, das Gas, mit dem die aufgeblasenen Gummipuppeu gefüllt. Oder
wie Palägyi sagt: „Die Quelle der Möglichkeit aller menschlichen Verirrung
ist darin zu suchen, daß wir für geistig halten können, was bloß lebendig ist,
und für lebendig, was bloß geistig Lt." Dank der Freizügigkeit in der
Richtungsbestimmung durch den Willen ist der Mensch — und nur er — imstand
„die Wirklichkeit umzulügen in eine Geistestat" (Klages). Diese Dinge s.nd
schließlich so simpel und selbstverständlich, daß man sich fragt, wie es denn
überhaupt angeht, daß sie nicht Allgemeingut wurden, wenigstens seit Klages
in unmißverständlicher Weise und mit dem nötigen Nachdruck und der nötigen
Klarheit während eines Menschenalleis sie immer wieder ausspricht. Aber das
hat seinen guten Sinn: die da ein Anderes für-wahr halten (i. e. für quasilebendig
, nämlich ihren lieben Logos), sie wären nicht mehr, eingestanden
sie ihren Irrtum. Sie hätten ihren Sinn, den sie sich beigelegt, verloren. Sie
können nicht, dürfen nicht um ihrer selbst willen, um ihres Selbst willen, dessen
Sklaven sie wurden, durch eben jene Logozentrik, der sie sich verschrieben seit
Jahrtausenden.
Klages beginnt nun in seinem jüngsten großen Werke *), von dem zwei
Bände bereits vorliegen, der dritte angekündigt ist, damit all diese Schatten,
diese Similiwahrheiten, diese Gespenster eines „logozentrischen" Weltbildes
fortzuräumen, indem er sie aufanalysiert, widerlegt, ihre Lebensunfähigkeit beweist
(allein schon dadurch, daß er der intern-philosophischen Geheimsprachen
(termini technici) gar nicht bedarf, im Gegenteil ohne sie weit tiefer einzudringen
weiß dank seiner erstaunlichen Begabung in der Deutung von Namen.
Daß es dabei zuweilen scharf und schärfer hergeht, muß einen nicht wunder
nehmen. Es liegt in der Natur der Sache und in der Natui von Klages Entscheidung
für das Leben — eine jm Grund religiöse Entscheidung — und
gegen alles was nicht für das Leben einsteht. Nach dieser Reinigungsarbeit
, die an Präzision nichts zu wünschen übrig laßt, aber von höherer Warte,
weniger affektiv polemisch als je früher geleistet wird, beginnt er mit dem
Aufbau seines „Dizentrischen Weltbildes".
Es ist unmöglich im Rahmen einer hinweisenden Besprechung auch nur
annähernd den umfänglichen Gehalt dieses Werkes zu umreißen, es bleibt nichts
anderes übrig, als mit einigen formelhaften Worten auf die eminente Bedeutung
aufmerksam zu machen und die Bedeutung von Klages tiefen Funden für das
spezielle Gebiet der Leser dieser Zeitschrift in anderm Zusammenhang zu
erörtern, was Verf. demnächst zu tun gedenkt.
Wer Klages Bücher bis heute gelesen hat, wird in seinein neuen Werke
nicht eigentlich „Neues" finden, es geht da um Dinge, die von früher her bekannt
sind. Indes, irgendwie geht es in diesem Fall bestimmt weniger um das
Was als um das Wie dieser Gestaltung, um die Artung dieses Weltbildes, seine
Gestalt, seinen Bau. Nüchtern gesagt bringt das Werk die Zusammenfassung
von Klages Lebenslehre, seiner „Weltanschauung" — womit aber nur sehr blaß
angedeutet wird, was kaum farbig und lebhaft genug kann ausgemalt werden.
Es liegt mit „der Geist als Widersacher der Seele" nichts Geringeres vor als
die erste großzügige und weitausgreifende und tiefbehürfende Darstellung eines
*) Der Geist als Widersacher der Seele, bei J A. Barth, Leipzig. Band 1
M. 21.60, geb. M. 24.—. Band II M. 12.60, geb. M. 15.—.
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