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von Reuter: Die Entwicklung der spiritistischen Bewegung in England. 379
ersetzt, improvisiert dann ein Gebet. Dann kommt eine Minute schweigendes
Gebet, das den Kranken und in Not Geratenen gilt Dann folgt wieder eine
Hymne, die zur Ansprache tiberleitet. Die Ansprache befaßt sich meistens mit
einem Thema, das die Ethik des Spiritismus betrifft. Jeden Sonntag kommt ein
anderer Redner heran. Nach der Ansprache, die die offizielle orthodoxe Predigt
ersetzt, wird wieder eine Hymne gesungen und nun erreicht man jenen Teil des
Gottesdienstes, worauf die ganze Gemeinde und die Fremden mit Spannung warten
, #das Hellsehen. Der Hellseher, oder die Hellseherin, der bis jetzt ruhig und
schweigsam auf dem Podium gesessen hat, steht auf, und beginnt die Geister zu
beschreiben, die angeblich anwesend sind, und die Botschaften an die anwesenden
Verwandten auszurichten. Keiner weiß, wer an die Reihe kommen wird. Manchmal
ist es jemand in der ersten Reihe, aber ebensooft irgendein Skeptiker, der ganz
weit zurück oder womöglich in der Galerie sitzt, der eine ausgedehnte Mitteilung
unter Angabe zahlreicher Familiennamen und Identitätsbeweise erhält und tief erschüttert
und gläubig den Versammlungsraum verläßt. Der Skeptiker, der sich einbildet
, es handele sich immer um Helfershelfer im Publikum, beweist nur seine
Unkenntnis der wahren Sachlage; denn ganz fremde Menschen haben unzählige
Male bestätigt, daß der Hellseher unmöglich über die Einzelheiten, die er angegeben
hat, orientiert sein könnte. Es ist auch nicht gut möglich, das werden wohl
auch die Gegner zugeben, daß der Hellseher über das ganze Publikum Bescheid
wissen könnte, so daß er imstande wäre, jedem x-beliebigen Fremden Genaues
über seine Familienverhältnisse zu sagen.
Ich könnte jedem fanatischen orthodox Gläubigen mit gutem Gewissen die
Frage stellen, ob es hei diesen spiritistischen Gottesdiensten etwas gibt, das ein
frommes Gemüt verletzen könnte. Man wird höchstens antworten können, daß
ein Gottesdienst, der sich so wenig auf die Heiligen Schriften bezieht, nicht Gott
dienen kann. Da würde ich erwidern, daß es verschiedene Arten gibt, Gott zu
dienen und, daß zahlreiche Menschen, die ohne Glauben waren, durch die spiritistischen
Gottesdienste gläubig geworden sind. Ritual ist nicht notwendigerweise
die einzige Art, fromm zu sein. Doch hier ist nicht der Ort, um darüber
zu debattieren.
Noch zwei Namen müssen wir nennen. Beide gehören dem Verband englischer
Zauberkünstler an. Der eine ist Harry Price, der Leiter des Britischen Laboratoriums
für die Untersuchung okkulter Phänomene, der andere heißt Will Goldstone
— Letzterer ist jetzt der Präsident des Zauberkünstlerverbandes und unterscheidet
sich von Herrn Price insofern, als er überzeugter Spiritist ist, während
Herr Price nur als Wissenschaftler «gelten will. Zwischen den beiden ist vor kurzer
Zeit Streit entbrannt. Price behauptete, das berühmte Materialisationsmedium,
Mrs. Duncan aus Schottland, entlarvt zu haben. Er behauptete, nachgewiesen zu
haben, daß das Teleplasma durch Regurgitation entstand, das heißt, daß Mrs.
Duncan einfach größere Stoffmassen verschluckte und im geeigneten Augenblick
wieder zum Vorschein brachte. Goldstone dagegen behauptete nachträglich, Mrs.
Duncan unter Bedingungen, die er selbst vorgeschrieben hatte, untersucht zu
haben. Ein* Bedingung war, daß Mrs. Duncan unmittelbar vor und nach der
Sitzung Kaffee und Kuchen essen sollte. Darauf ging sie ein und es zeigten sich
gleichzeitig mit ihr verschiedene völlig materialisierte Gestalten. Goldstone
schwört auf die Echtheit des Mediums auf Grund seiner eigenen Beobachtungen,
während Price sie ebenso entschieden ablehnt. Wer hat nun Recht? Vielleicht
beide? Ein Medium, das schwindelt und doch echt sein kann, ist nichts Neues.
Price hat sich jedoch entschiedene Verdienste in der okkulten Forschung erworben
durch seine Experimente mit Rudi Schneider, die er fasf immer in der Anwesenheit
einiger Journalisten durchführte so daß die Experimente weitgehendste Beachtung
durch die Tagespresse erhielten. Price bot auch einen Betrag von 1000 Pfund dem
Zauberkünstler an, der imstande wäre, unter den gleichen Bedingungen, wie Rudi
seine Phänomene trickweise zu reproduzieren. Es meldeten sich nur ein paar, wovon
einer einen Helfershelfer und ein eigenes Trickkabinett mitbringen wollte. Natürlich
wurde dieser naive Antrag prompt abgelehnt.
Als Neville Maskelyne, der bekannte Zauberkünstler, auf seiner eigenen Bühne
einen Akt brachte, dem er den Titel „Rudi und Olga" gab und dabei behauptete,
die Rudi-Phänomene dupliziert zu haben, da ging Price selbst auf die Bühne und
klärte das anwesende Publikum über den Unterschied auf, zur großen Blamage von
Maskelyne. Schade, daß Price durch das ins Lächerliche gezogene verunglückte
Brockenexperiment seinen Ruf als ernster Forscher etwas beschädigt hat.
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